Olympia in Peking 461 Kilo - für seine Frau

Matthias Steiner erzielt eine persönliche Bestleistung im Gewichtheben, dann braucht er das Foto seiner verstorbenen Frau. Es war ein schwerer Weg zum Olympiasieg.

Von Josef Kelnberger

Matthias Steiner hat die Hantel mit den 258 Kilo Gewicht an der Brust fixiert. Gleich muss er sie nach oben bringen. Er atmet schwer. 250 hat Steiner im Stoßen schon einmal geschafft in seiner Karriere, mehr nicht. Woher würde er die Kraft nehmen für diese zusätzlichen acht Kilo? Im Gewichtheben ist das eine heikle Frage, aber die vielen Antworten, die darauf möglich sind, wägt niemand in der Halle ab, als Matthias Steiner dort oben auf dem Podium steht, schwer atmend die 258 Kilo an der Brust fixierend.

Es kann in diesem Augenblick nur eine Antwort geben. Jetzt der Ausfallschritt. Er stößt die Last nach oben und schiebt seinen Körper darunter, mit aller Kraft, die in ihm steckt. Als er die Arme durchgedrückt hat, bebt sein Körper, aber er hält die 258 Kilo im Gleichgewicht. Als das Gewicht abgelegt ist, setzt er zu einem Tanz an, wie ihn Olympia noch nicht erlebt hat. Schweres Poltern unterlegt die Freudenschreie, als der 145-Kilo-Koloss mit dem Rübezahlbart wie ein Gummiball über das Podium hopst.

Superschwergewichtler Matthias Steiner gewann am Dienstag Gold in der Königsklasse des Gewichthebens. 203 Kilo im Reißen, 258 Kilo im Stoßen, 461 Kilo in der Gesamtwertung. Um ein Kilo übertraf er mit dem letzten Versuch den Russen Jewgeni Tschigischew. Wenn Michael Phelps der erfolgreichste Athlet dieser Spiele ist und Usain Bolt der schnellste, dann darf sich Steiner als der stärkste Mann Olympias bezeichnen. "Steiner hat Geschichte geschrieben", sagte nachher Bundestrainer Frank Mantek. Er meinte Sportgeschichte.

Steiner holte das erste Gewichtheber-Gold für das deutsche Team seit Ronny Wellers Sieg im Schwergewicht 1992 in Barcelona. Mantek erinnerte sich in dem Moment, als Steiner das Gewicht an der Brust hatte, an Ronny Wellers Versuch, in Sydney 2000 Gold im Superschwergewicht folgen zu lassen. Er hatte das nötige Gewicht ebenfalls an der Brust im letzten Versuch, aber er brachte es nicht nach oben. "Steiner, mach' es irgendwie wahr", fuhr es Mantek durch den Kopf. Ihm war übel vor Aufregung. Aber Steiner machte es wahr.

Für wen er die Goldmedaille gewonnen habe, wurde der Heber später gefragt. Er ist kein sonderlich sentimentaler Mensch, er sagte mit schlichten Worten: "Für meine Frau." Die Frau von Matthias Steiner ist am 16. Juli 2007 an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben. "Sie ist immer bei mir. Ich denke schon, dass sie das heute irgendwie mitgekriegt hat", sagt er. Die Liebe also, wird man fortan sagen: Die Liebe habe ihm die Kraft für die zusätzlichen acht Kilo gegeben. Es ist eine ganz persönliche Geschichte, die Matthias Steiner am Dienstag, sechs Tage vor seinem 26. Geburtstag, zum Abschluss gebracht hat.

Seine Susann hatte irgendwann im Jahr 2004 auf Eurosport ein Tennisturnier schauen wollen, blieb aber beim Gewichtheben hängen, vor allem bei diesem Österreicher Steiner. Sie schaffte es tatsächlich, per E-mail in Kontakt mit ihm zu treten. Sie fuhr mit dem Zug elf Stunden von Chemnitz nach Obersulz in Niederösterreich, die Heimat Steiners. Es war der Anfang von allem. Im Dezember 2005 heirateten sie. Steiner, der fortan für Chemnitz in der Bundesliga hob, überwarf sich in jenem Jahr mit dem österreichischen Verband, für den er 2004 noch in Athen angetreten war. Er bat bei Bundestrainer Mantek in Leimen um Aufnahme. Mantek erinnert sich gern an ihr erstes Treffen: "Er wollte lernen. Er hat nicht ein einziges Mal nach Geld gefragt." Steiner zog nach Leimen, seine Frau kam mit ihm. An jenem Julitag 2007 begleitete Mantek seinen Gewichtheber ins Krankenhaus, in dem Susann Steiner im Sterben lag.

Das Glück erzwungen

Der Heber konnte monatelang nicht vernünftig essen, geschweige denn trainieren. Er verlor sieben Kilo an Gewicht. Doch irgendwann nahm er das Abenteuer Peking in Angriff, das er gemeinsam mit seiner Frau hatte erleben wollen. Sie hatte schon begonnen, Geld für die Reise nach Peking zusammenzusparen. Er blieb in Leimen, begann wieder zu trainieren, wobei es nur ein weiteres Detail ist, dass Matthias Steiner seinen Sport trotz einer schweren Diabetes betreibt. Im Januar 2008 erhielt er nach dreijähriger Wartezeit den deutschen Pass. Er gewann für den deutschen Verband erst den Europameistertitel und nun Olympia-Gold. In dem ekstatischen Tanz auf dem Podium küsste Matthias Steiner den Bundesadler auf seinem Trikot. Ein Dank an Deutschland, sagte er, es war vor allem ein Dank an Mantek. Der hat dem Kraftbolzen Technik beigebracht.

Technisch war es nicht sein bester Wettkampf. Steiner hat sein Glück erzwungen. "Wir hatten auch Glück", sagte Mantek. Dazu gehörte, dass der iranische Olympiasieger von 2000 und 2004, Hossein Rezazadeh, "aus gesundheitlichen Gründen" auf einen Start verzichtete, und Welitschko Tscholakow nicht antreten durfte, nachdem elf bulgarische Heber des Dopings überführt wurden. Es sind die Geschichten, die das Gewichtheben schreibt.

Zur Siegerehrung erscheint Matthias Steiner mit einem Foto seiner Susann in der Hand. Er zeigt es dem Publikum und den Fotografen mit seiner Goldmedaille. Es ist das Bild, das er jeden Tag in seiner Trainingstasche mit sich führt. "Schön", sagt er später, "dass alles so gekommen ist."