Olympia-Eröffnungsfeier Wo ist Fackel? Wir gucken Olympia!

Eines der größten Medienspektakel aller Zeiten hat in Peking begonnen: die olympische Eröffnungsfeier. Dabei sein wäre alles - von uns nur der Ausfluss reinster Herzen.

Aus dem Spottstudio

Jahr der Ratte und der Erde, 08.08.08, 13.52 Uhr Willkommen im Spottstudio von sueddeutsche.de. Wir fiebern dem größten Medienspektakel alter und neuer Zeitrechnung entgegen und sind schon bis unter die Schädeldecke voller Spirit. Olympischem im besten roggeschen Geiste. Wir erwarten Großes - irgendwas zwischen "Deutschland sucht den Superstar" und "Leni sucht den Riefenstahl".

China trommelt die Spiele ein

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13.56 Endlich und schon wieder Olympia-Eröffnungsfeier (OEF), denn egal wie viele OEFs man schon gesehen hat, man hat immer das Gefühl, es seien mehr als genug OEFs für ein Menschenleben gewesen.

14.07 Peking kann die Ringe nicht halten und beginnt acht Minuten zu früh. Die schlechten Terrakottakrieger-Fälschungen sind aus Hamburg heimgekehrt und im Vogelnest zum Erleben. Feuerwerk, die Chinesen lassen's krachen. Der Bildschirm ist randvoll mit Trommlern, die um ihr Leben trommeln. Du bist Pixel, we are stardust, so schnell hat Leni ihren Stahl noch nie gefunden. Das Licht ist, wie alles in Peking, diesig.

14.15 "In immer demselben dichtgefüllten Stadion" werden "Darbietungen von gleicher geometrischer Genauigkeit" aufgeführt. "Die Ornamente bestehen aus Tausenden von Körpern, Körpern in Badehosen ohne Geschlecht. Träger der Ornamente ist die Masse. Sie werden aus Elementen zusammengestellt, die nur Bausteine sind und nichts außerdem. Zur Errichtung des Bauwerkes kommt es auf das Format der Steine und ihre Anzahl an. Es ist die Masse, die eingesetzt wird. Als Massenglieder allein, nicht als Individuen, die von innen her geformt zu sein glauben, sind die Menschen Bruchteile einer Figur." Wir haben so etwas geahnt und uns mit unserem vergilbten Exemplar von Siegfried Kracauers "Ornament der Masse" bewaffnet.

14.21 Breaking News: Es gibt nur 204 teilnehmende Nationen, Brunei wurde ausgeschlossen, weil der bruneische Sportverband es versäumt hat, sein Team rechtzeitig anzumelden: Das Fehlen der Schwimmerin und des Kugelstoßers dürfte den Medaillenspiegel nachhaltig beeinträchtigen. China darf wieder hoffen.

14.28 Regisseur Zhang Yimou hat sich von den grafischen Computerspielerschütterungen des Jahres 1996 und dreidimensionalen Equalizern inspirieren lassen: Nie spielten Menschen überzeugendere Pixel. Kein Wunder bei der lebenslangen Method-Acting-Ausbildung in China.

14.38 Triumphmusik zum Aufmarsch der Ruderer, es wird deutlich, dass China hier reine Welt-Innen-Spiele inszeniert. Von der Propagandadosis her könnte man die Mannschaften nach dem Einmarsch sofort wieder nach Hause schicken, Klassenfeindziel erreicht.

14.45 Nun ein längst fälliges Wort zu den Lach- und Sachgeschichten der ARD-Reporter Sandra Maischberger und Schwimm-Experte Ralf Scholt: Zwischen sie und die Inszenierung passt kein Blatt Reispapier. Über die chorale Tonspur des gigantischen Staatszirkuskitsches (bislang ohne Schlangenfrau und Tellerdreher) sprechen sie Baedecker-PR-Texte, die die Darbietungen erläutern. "Mit einem Knalleffekt springen wir hinein in die Moderne", sagt Mit-dem-Strom-Schwimm-Experte Scholt und Frau Seichtberger zeigt, dass sie ihre Ming-Dynastien gebimst hat.

14.55 Pianist Lang Lang nimmt gut gegelt am weißen Flügel platz und klimpert zwischen Turnern, die in Leuchtanzügen auf- und übereinander klettern, um das Stadion nachzustellen. Neben Lang Lang sitzt ein Mädchen, das einzuschlafen droht. Klarer Fall von Gähn-Doping.

15.10 Perfektion langweilt. Offenbar funktioniert die "einzigartige 3-D-Projektionsfläche" (Scholt) reibungslos, Strom gibt's auch genug, notfalls leuchten ja die Akteure, denen man, hübsch symmetrisch, Leuchtdioden an die Körper drapiert hat. Diesig, ja, das bleibt's, aber das ist echtes Wetter, das konnte man zur Eröffnungsfeier noch nicht in die Chroreografie mit einbeziehen. Ansonsten ist das, was man kontrollieren kann, unter Kontrolle. Bildschwere Schweinshaxe an Bedeutungsknödel. Mit zarten Weltfriedens-Aromen. Und so frappierend individualitätsfeindlich, dass man jetzt versteht, warum selbst die Menüs in den Chinarestaurants nur Nummern haben. Immer wieder nur die eine Botschaft: Du bist ein Pixel in unserem Staatsgemälde - und wir sagen dir, wann du zu leuchten hast. Dazwischen immer wieder Kinderkitsch, Zopfmädchen, die fliegen, wuseln, lächeln, Talmi zur Ablenkung. Unterm Strich ist dieser Veredelsheroismus eines totalitären Staates nicht zu ertragen - aber perfekt in seiner technisch fundierten Bildproduktion. Und im Hintergrund plätschert ein eigenartig an Chill-Out erinnernder Soundtrack!