Leichtathletik Mit blumigen Worten

Russlands Leichtathleten bleiben fürs Erste von allen internationalen Wettbewerben ausgesperrt - dürfen aber weiter auf einen Start bei den Olympischen Spielen in Rio hoffen. Der Vorfall birgt viel Brisanz für den Weltsport.

Von Johannes Knuth und Martin Schneider

Es sind fabelhafte Tage für die lettische Pharmaindustrie. Allen voran für die Firma, die jene Substanz produziert, mit der Athleten aus Russland und Osteuropa in diesen Tagen reihenweise auffliegen: Meldonium, ein Herzmedikament. Der Stoff lässt sich legal in Osteuropa beziehen, für Herzkranke; auch gesunde Sportler konsumierten es zuletzt, in der Hoffnung, besser zu sein und schneller zu regenerieren. Die Welt-Anti-Doping-Agentur setzte es also im Januar auf ihre Verbotsliste. Was viele Athleten überlasen. Weshalb nun kaum ein Tag verstreicht, in dem nicht ein neuer Meldonium-Fall in die Nachrichtenspalten gespült wird. 99 Funde gab es laut einer neuen Zählung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) seit Januar. Und jetzt? "Die Nachfrage", sagte eine Sprecherin des Herstellers dem Portal Bloomberg, "hat spürbar zugenommen."

Nicht allen gelingt es in diesen Tagen, die Auswüchse des Spitzensportgewerbes gewinnbringend zu nutzen. Im Fall der gesperrten russischen Leichtathletik zum Beispiel, den der Leichtathletik-Weltverband IAAF am Freitag in Monaco verhandelte. Man muss der IAAF lassen, dass sie über die Jahre eine Expertise darin aufgebaut hat, unbequeme Debatten klein zu halten. Dopingfälle in Jamaikas Sprintbiotop zum Beispiel. Oder in den USA. Oder in der Türkei. Oder, oder, oder. Bedauerliche Einzelfälle fehlgeleiteter Athleten halt. Von Hintermännern, dem Druck des Umfelds, der Athleten oft in die Dopingfalle treibt, erfuhr man wenig.

Im Fall der Russen, denen eine Kommission der Wada zuletzt eine "tiefwurzelnde Kultur des Betrugs" bescheinigte, abgeschirmt von der Regierung, bietet sich dieses Narrativ freilich nicht so recht an. Er sehe "Fortschritte", sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe am Freitag, Russland müsse aber "erheblich mehr Arbeit" investieren. Das war ein nettes, in blumige Worte gekleidetes Fazit. Ed Warner, Präsident des britischen Verbandes, hatte zuletzt befunden, man würde "zum Spott einladen", sollte man Russland vor Rio begnadigen, vor den Sommerspielen. Die IAAF will darüber im Mai richten.

Auch die Deutschen haben einen neuen Fall - den Sprinter Christ

Russlands Leichtathleten bleiben fürs Erste also von allen internationalen Wettkämpfen ausgesperrt. Ob und wie sie resozialisiert werden, dürfte die diplomatischen Beziehungen im Weltsport nachhaltig beeinträchtigen. Der Bann soll nur gehoben werden, wenn der Verband neues Personal, neue Strukturen einpflegt. Das Personal ist tatsächlich neu, die Hauskultur aber nach wie vor die alte, wie eine ARD-Dokumentation zuletzt nahelegte. Die Kommission der IAAF, die Russlands Umbau überwacht und am Freitag Bericht erstattete, ist dem Vernehmen nach ernsthaft gewillt, Russland aus Rio fernzuhalten, wenn nötig. IOC-Präsident Thomas Bach ist ernsthaft gewillt, das zu verhindern, Bach ist bestens mit Russlands Staatschef Putin vernetzt. Und mittendrin steckt Coe, der von diversen Interessen derzeit offenbar zermahlen wird. Zumal ihm ein Antrag von Julia Stepanowa zuging, jener russischen Kronzeugin, die in der ersten ARD-Dokumentation das Dopingnetzwerk in Russland entblößt hatte. Stepanowa will in Rio unter unabhängiger Flagge starten. Coe sagte am Freitag, man werde ein Startrecht prüfen. Was Bachs Freunde aus Russlands Sportpolitik, die Stepanowas Vorwürfe wahlweise als Lüge oder Verrat klassifiziert haben, verstimmen dürfte.

Unterdessen beschäftigt auch die deutsche Leichtathletik ein Dopingfall. Sprinter Rouven Christ (LAZ Saarbrücken) ist positiv getestet worden. Das bestätigte die Nationale-Anti-Doping-Agentur auf SZ-Anfrage. Wo, wann, mit welchem Mittel, das sagte sie nicht. Christ hatte bei den deutschen Hallenmeisterschaften Ende Februar über 200 Meter in 21,01 Sekunden den Saarlandrekord verbessert. Er war im Landesverband sowie im Verein als Nachwuchstrainer tätig; Christ war zudem bis 2015 Athletik-Trainer beim Fußball-Regionalligisten 1. FC Saarbrücken. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken bestätigte, dass sie gegen Christ ermittle, auf Basis des neuen Anti-Doping-Gesetzes. Der Verein sowie der Landesverband schrieben in einer Mitteilung, "dass Rouven Christ völlig eigenständig gehandelt hat und es keinerlei Hinweise gab, die einen solchen Verstoß vermuten ließen".