Leichtathletik Im Temporausch einer Nacht

Vor 50 Jahren rennt eine Handvoll Sprinter in Sacramento den 100-Meter-Weltrekord in Grund und Boden.

Von Joachim Mölter

Es wehte tatsächlich ein ordentlicher Wind an diesem Tag, an dem die prestigeträchtigste Rekordmarke der Leichtathletik weggefegt wurde wie ein Blatt Papier in einem Orkan. Aber damit im übertragenen Sinn dieser Orkan seine zerstörerische Wirkung entfalten konnte, musste sich der ganz reale Wind erst einmal legen.

An diesem Mittwoch, dem 20. Juni, jährt sich zum 50. Mal ein Ereignis, das in die Geschichtsbücher der Leichtathletik eingetragen worden ist unter dem Begriff "Night of speed" - Nacht der Geschwindigkeit. "So einen Tag wird es nie mehr geben", glaubt Jim Hines, einer der Hauptdarsteller bei den amerikanischen Meisterschaften im Hughes-Stadion von Sacramento, der Hauptstadt des Bundesstaates Kalifornien. Hines findet noch heute: "Das war der größte Sprint-Wettbewerb in der Geschichte der Leichtathletik." Charles Greene, sein Rivale in jenen Tagen, stimmt dem zu: "Wir waren die größte Gruppe von Sprintern, die es je gab."

Um die Dimension des Ereignisses zu verstehen, muss man sich ins Frühjahr 1968 zurückdenken. Bis dahin war es nur acht Männern gelungen, die 100 Meter in 10,0 Sekunden zurückzulegen, als erstem dem Deutschen Armin Hary 1960 in Zürich. Acht Männer innerhalb von acht Jahren an acht verschiedenen Orten. In Sacramento kamen innerhalb von zwei Stunden acht Männer dazu - und drei von ihnen unterboten die als magisch geltende 10,0-Sekunden-Grenze sogar noch.

Nie zuvor und nie mehr danach ist ein Weltrekord in der Leichtathletik derart in Grund und Boden gestampft worden, von so vielen Athleten auf einmal.

Der Rekordsturm hatte sich bereits am frühen Abend angekündigt, in den Vorläufen. Jim Hines, der 21 Jahre alte "Pfeil von Arkansas", der den Weltrekord im Jahr zuvor bereits eingestellt hatte, zerriss im ersten Durchgang nach 9,8 Sekunden das Zielband, vor Kirk Clayton und Ronnie Ray Smith, für die jeweils 10,0 gestoppt wurden - allerdings hatte sie ein Rückenwind angeschoben, der mit 2,8 Metern pro Sekunde zu stark blies, um die Leistung in die Bestenlisten aufzunehmen. Den zweiten Vorlauf gewann Melvin Pender in 10,0, den dritten der Gaststarter Lennox Miller aus Jamaika in 9,9, beide ebenfalls mit zu viel Wind. Als der dann abflaute auf das gerade noch zulässige Maß von 2,0 m/s rannten Charles Greene und der französische Student Roger Bambuck im vierten Vorlauf 10,0 Sekunden - und stellten damit den Weltrekord offiziell ein.

Aber das war erst der Anfang. 21.15 Uhr, erstes Halbfinale: Hines als Sieger und Smith als Zweiter werden mit 9,9 Sekunden gestoppt, bestätigt von jeweils drei Zeitnehmern. Bei Hines zeigen die Uhren 9,8 - 9,9 - 10,0, beim 19 Jahre alten Smith bleiben alle bei 9,9 stehen. In ihrem Sog kommen Pender, Larry Questad, Clayton und Ernest Provost auf je 10,0. Der Wind? Bleibt mit 0,8 m/s brav im Rahmen. Die 9,9 sind nun als Weltrekord gültig.

Damit war an jenem 20. Juni eine Zeitenwende eingeleitet: So wie der Kalender umsprang vom Frühling auf Sommer, so sprangen die Uhren um - von 10,0 auf 9,9.

Fünf Minuten später, zweites Halbfinale, der Wind bleibt weiter ruhig, er wird mit 0,9 m/s gemessen: Greene, damals 23, sprintet als dritter Mensch 9,9 Sekunden und gewinnt eine Zehntelsekunde vor den zeitgleichen Miller und Bambuck. Der Franzose ist damit zum zweiten Mal an diesem Tag gültige 10,0 Sekunden gerannt und zum zweiten Mal nicht Erster geworden - ein Novum. Noch trauriger ist das Schicksal von Ernest Provost: Seine 10,0 im ersten Semifinale, die noch Weltrekord gewesen waren in dem Moment, in dem er im Startblock kauerte, waren nicht mehr gut genug für den Endlauf der besten Acht.

"Um überhaupt in dieses Finale zu kommen, musste man entweder den Weltrekord einstellen oder ihn verbessern", stellte Greene noch Jahrzehnte später stolz fest und fragte: "Hat man so was seitdem je wieder gesehen?" Hines ist sicher: "Es ist unwahrscheinlich, dass es in absehbarer Zeit wieder passieren wird." Im Finale, nachts um elf Uhr, frischte der Wind erneut auf und stärkte den Sprintern über das erlaubte Maß hinaus den Rücken (diesmal mit 3,0 m/s). Doch im dritten Rennen binnen viereinhalb Stunden ging ihnen die Kraft aus, forderte der Temporausch Tribut: Greene als Gewinner und Hines als Zweiter wurden mit 10,0 Sekunden notiert, die Zeiten von Miller, Bambuck, Smith und Pender mit jeweils 10,1 verkündet. Der Legende nach sind die ersten Sechs des Finales alle mit 10,0 gestoppt worden, die Zeiten aber nachträglich angepasst worden, weil man sich so eine Leistungsdichte in einem 100-Meter-Rennen nicht vorstellen konnte. In der Tat gibt es bis heute keine große Meisterschaft, in der es so eng zuging über 100 Meter. Die Nacht der Geschwindigkeit markiert einen Einschnitt in der Sprint-Historie. Es war das letzte Mal, dass Greene, der bis dahin führende 100-Meter-Mann, ein Finale gegen Hines gewann. Die 9,9 sind der letzte Weltrekord, der auf einem natürlichen Untergrund gerannt worden ist, einem harten Lehmboden. Und die 9,9 stehen auch als letzter Weltrekord in der Statistik, der mit der Hand gestoppt wurde.

Die Weltrekord-Entwicklung bis 20. Juni 1968

10,0 Armin Hary (BR Deutschland) 21.6.1960

10,0 Harry Jerome (Kanada) 15.7.1960

10,0 Horacio Esteves (Venezuela) 15.8.1964

10,0 Bob Hayes (USA) 15.10.1964

10,0 Jim Hines (USA) 27.5.1967

10,0 Enrique Figuerola (Kuba) 17.6.1967

10,0 Paul Nash (Südafrika) 2.4.1968

10,0 Oliver Ford (USA) 31.5.1968

Im Finale am 20. Juni 1968

10,0 Charles Greene (USA)

10,0 Roger Bambuck (Frankreich)

9,9 Jim Hines 20.6.1968

9,9 Ronnie Ray Smith (USA)

9,9 Charles Greene

Außerdem am 20.6.1968 in Sacramento

10,0 Melvin Pender (USA) 1. Halbfinale

10,0 Larry Quested (USA) 1. Halbfinale

10,0 Kirk Clayton (USA) 1. Halbfinale

10,0 Ernest Provost (USA) 1. Halbfinale

10,0 Lennox Miller (Jamaika) 2. Halbfinale

10,0 Roger Bambuck 2. Halbfinale

Der Unterschied zwischen handgestoppten und elektronisch ermittelten Zeiten ergibt sich aus dem menschlichen Faktor: Bei der Reaktion auf Startschuss und Zieldurchlauf, also beim Drücken der Stoppuhr, vergehen im Schnitt etwa ein, zwei Zehntelsekunden, in denen die elektronische Uhr bereits läuft; handgemessene Zeiten sehen in der Regel also entsprechend besser aus als elektronisch gestoppte. Armin Harys 10,0 wurde beispielsweise anno 1960 elektronisch als 10,25 registriert.

Auch 1968 in Sacramento lief die elektronische Zeitmessung inoffiziell im Hintergrund mit, im Finale zeigte sie Werte zwischen 10,11 und 10,20 Sekunden für die ersten Sechs. Die handgestoppten 9,9 von Hines, Smith und Greene in den Halbfinals wurden als 10,03 und 10,14 bzw. 10,10 aufgezeichnet.

Vier Monate später, bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt, wurde die elektronische Zeitmessung offiziell anerkannt; auf der erstmals bei einem internationalen Wettkampf verlegten, leistungsfördernden Kunststoffbahn unterbot Jim Hines auch auf diese Weise die 10,0-Sekunden-Marke: In 9,95 gewann er vor Lennox Miller (10,04) und Charles Greene (10,07). Auch Bambuck (5. in 10,15) und Pender (6. in 10,17)

waren wieder mit von der Partie. Heutzutage ist es undenkbar, dass die besten Sprinter so oft gegeneinander antreten wie es Hines, Greene und Co. in den Sechzigerjahren taten; die modernen Läufer sparen sich ihre Kraft lieber für ein Duell beim Jahreshöhepunkt auf. "Wir waren mental stärker, wir hatten keine Angst vor der Herausforderung", erzählte Greene vor ein paar Jahren: "Von den heutigen Sprintern hätte es keiner ins Finale von Sacramento geschafft."