Leichtathletik 5000 Euro für Doktor Rosa

15 Prozent vom Preisgeld für die Manager, weitere 20 Prozent, um die Dopingfahnder zu schmieren: Neue Vorwürfe belasten die Betreuer von diversen kenianischen Läufern - eine Woche vor Beginn der Leichtathletik-WM in London.

Von Johannes Knuth

Die 16. Leichtathletik-WM, die an diesem Freitag in London beginnt, wird von einem "umfassenden" und "robusten" Anti-Doping-Programm begleitet. Das findet zumindest die vom Weltverband als unabhängig gepriesene "Athletics Integrity Unit" (AIU), die erstmals über die Kontrollen und Regeln wacht. Kleine Kostprobe? Man werde in London 600 Urintests durchführen; die Fahnder hätten in den vergangenen zehn Monaten zudem 2000 Blut- und 3000 Urintests orchestriert. "Die wichtigste Zeit für Tests ist die Vorbereitung, wenn die Athleten große Umfänge trainieren", berichtete die AIU. Und: Man habe sichergestellt, dass auch die nationalen Verbände und Agenturen ihre Kontrollen in der Vorbereitung "maximieren". Sauber!

Derartige Jubelmeldungen passen nur irgendwie nicht so recht zu neuen Erkenntnissen, die von der Betrugsbekämpfung in der Leichtathletik erzählen. Zum Beispiel in Kenia. Dass die begabten Ausdauerleister des Landes nicht nur von den Vorteilen ihrer Hochebenen zehren, sondern offenkundig auch von Doping und Korruption, ist seit Längerem bekannt. 40 Dopingfälle sind seit 2012 aktenkundig, darunter sind prominente Marathonläuferinnen wie Rita Jeptoo und Rio-Siegerin Jemima Sumgong. Beide flogen mit dem Blutdopingklassiker Epo auf. Beide waren bei den Italienern Gabriele Rosa und Sohn Federico angestellt, zwei der bekanntesten Manager, die seit Jahren das Feld der afrikanischen Laufszene bestellen. Federico wurde im vergangenen Jahr in Kenia verhaftet - und ohne Sanktionen entlassen. Eine Intrige der Konkurrenz, wütete er. Die Übeltäter seien raffgierige Doktoren, die Athleten dopen und an ihnen verdienen würden.

Viele Manager können Athleten nach Positivtests freikaufen

Diverse Athleten schildern nun jedoch, dass die Quelle des Betrugs bei den Rosas liege. Jeptoo sagte jüngst vor einem kenianischen Gericht gegen Claudio Berardelli aus, ein Zögling der Rosas. Der Manager habe ihr vor dem Marathon vor drei Jahren in Chicago etwas gespritzt, was ihre Sehnenschmerzen auf wundersame Weise vertrieb. Kurz darauf die Kunde: positiv, Epo. Und der ehemalige Rosa-Schützling Matthew Sigei behauptet jetzt im ZDF, dass der alte Rosa die Athleten vor einem Rennen schon mal in einen Raum führte, wo ein Arzt die Spritzen setzte. Sigei sagt, er habe vier Jahre lang Epo genommen, 80 000 Euro Preisgeld erlaufen. 15 Prozent führte er an die Rosas ab, weitere 20 Prozent, um die Tester zu schmieren. "Wenn man Doktor Rosa 5000 Euro gibt, besticht er damit die Tester, damit sie dich nicht auffliegen lassen", sagt ein anderer Athlet im ZDF. Jene Tester von der nationalen Agentur also, die laut den Integritätshütern des Weltverbands ihre Kontrollen maximierten.

Der Aufstieg von Kenias Läufern ist eng verknüpft mit den Rosas

Ein Tester, der angeblich für die kenianische Agentur ADAK arbeitet, bestätigt, dass man tatsächlich Athleten erwische. Man rufe dann aber erst mal die Manager an, sagt der Tester. Die meisten würden zahlen, um die Positivtests verschwinden zu lassen. Ein netter Nebenverdienst. Sumgongs Test habe man nur veröffentlicht, um einen Fahndungserfolg zu präsentieren. Außerdem habe man sie schon einmal positiv getestet, damals gab es aber Probleme mit den Rosas und dem Geld. Die Rosas streiten übrigens alles ab, es gebe nur Aussagen, keine Beweise. Die Welt-Anti-Doping-Agentur teilt mit, man habe die eigene Ermittlungseinheit eingeschaltet.

Der Aufstieg von Kenias Läufern ist eng mit Gabriele Rosa verknüpft. Als der Sportarzt aus Brescia 1990 die ersten Athleten betreute, stellte Kenia einen Mann unter den 100 weltbesten Marathonläufern. Und dann? Züchtete Rosa "Kenias Talente mit dem Können der berühmten Weinanbauer seiner Heimat", lobte die Zeitung Daily Nation. Kenias Männer erschufen vor einem Jahr 76 der schnellsten 100 Marathons weltweit, bei den Frauen waren es 29. Die Bahnathleten stellten bei der WM 2015 die erfolgreichste Delegation. Auch in London sind viele favorisiert.