Italien Kaschmirpullis und süßes Parfüm

Rom ist pleite. Aber die Stadt holt den Ryder Cup 2022 im Golf und will die Olympischen Spiele 2024 ausrichten. Was ist da eigentlich los?

Von Birgit Schönau, Rom

Das Silvesterkonzert im Circus Maximus und die große Party vor dem Kolosseum fallen aus in diesem Jahr: Die Stadt Rom hat kein Geld für derartige Lustbarkeiten - und sie hat auch keinen Bürgermeister, der das Volk mit großen Festen beschenken müsste. Nachdem Korruptionsaffären den gewählten, linken Stadtsenat aus dem Amt geweht haben, wird die Ewige Stadt von einem Regierungskommissar verwaltet, bis im kommenden Frühjahr ein neuer Bürgermeister gewählt wird.

Rom ist pleite. Selbst das Heilige Jahr, das Papst Franziskus am 8. Dezember feierlich eröffnete, ist bislang ein Flop. Die Hotels sind genauso leer wie die Kirchen und die vorweihnachtlich geschmückten Konsumtempel, der erwartete und erhoffte Pilger-Ansturm ist bislang ausgeblieben und mit ihm der große Reibach.

Da ist es gut, dass in der alten Kapitale von "Brot und Spiele" wenigstens der Sport Partystimmung verbreitet. Gefeiert wird zwar nur in Vorfreude, aber immerhin. Zwei Großereignisse sollen Rom dereinst zum Swingen bringen, der Ryder Cup, das große Kontinentalduell zwischen den besten Golfprofis aus den USA und Europa, und die Olympischen Sommerspiele.

Golf? Das Wandern von Erdloch zu Erdloch galt in der Stadt bisher als alles andere als schick

Der Golf-Showdown wird 2022 stattfinden, den Zuschlag erhielt der italienische Verband in dieser Woche. Schauplatz des Sport- und Medienspektakels, das mindestens 220 Millionen Euro kosten wird, aber 800 Millionen einspielen soll, wird der Marco Simone Golf & Country Club sein, eine am östlichen Stadtrand gelegene Anlage, rund 20 Kilometer vom Zentrum entfernt.

Es gibt schönere und traditionsreichere Plätze in der Metropole, allen voran den Circolo Acquasanta ("Heiliges Wasser") an der Appia Antica - mit ihren zweitausend Jahre alten Grabmälern, dem uralten Pflaster und den malerischen Pinien und Zypressen eine der Traumstraßen der Welt. Der Bruder von Pius XII., ein römischer Patrizier, investierte hier Privatvermögen.

Am Heiligen Wasser siedelte der alte Kurienadel, am Marco Simone sitzt das neue Geld. Der Platz gehört der Modeschöpferin Laura Biagiotti, die es mit Kaschmirpullovern und süßlichen Parfums zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht hat, das sie nun in ihr liebstes Freizeitvergnügen investiert. Im Übrigen sieht man von Loch 17 auf ihrem Gelände auch die Kuppel der Peterskirche. Davon konnte der deutsche Konkurrent Bad Saarow nur träumen: In dem brandenburgischen Kurort schaut man nämlich höchstens auf den Scharmützelsee.

"Wir holen die Spiele nach Rom", verspricht Regierungschef Matteo Renzi, 40.

(Foto: imago)

So viel zum Golf, übrigens nicht gerade ein Breitensport in Italien und schon gar nicht in Rom, wo auch die Upperclass lieber auf dem Tiber rudert, statt von einem Erdloch zum nächsten zu wandern. Wer auf sich hält, ist Mitglied der edlen Ruderklubs im Stadtzentrum, wer zum inneren Zirkel der Macht gehört, frequentiert den nobelsten Klub Circolo Aniene, dessen Präsident so etwas ist wie der heimliche König von Rom. Womit wir bei der Freude auf ein Sportereignis wären, hinter dem der Ryder Cup verblassen dürfte wie sämtliche Kiefernwälder Brandenburgs hinter einer römischen Pinienallee: Olympia.

In neun Jahren soll es so weit sein, am Montag, als die gute Nachricht vom Golfturnier kam, wurde mit großem Brimborium schon mal das Logo für Roma 2024 vorgestellt - das Kolosseum, was sonst, in den Nationalfarben Grün, Weiß und Rot.

Golf wird großzügig Signora Biagiotti überlassen. Bei Olympia aber ist das kernigste Triumvirat am Werk, das Italien zu bieten hat. Als Vorsitzender des Bewerbungskomitees fungiert Luca Cordero di Montezemolo, der sich nach seinem Rauswurf bei Ferrari im Oktober 2014 nur kurz geschüttelt hatte, um gleich darauf groß als Aufsichtsratspräsident bei der ehemaligen Staats-Fluglinie Alitalia einzusteigen. Mit Verkehr und Infrastrukturen kennt Montezemolo sich nicht nur als ehemaliger Rallyefahrer und langjähriger Automanager aus, er ist auch Anteilseigner der von ihm gegründeten NTV-Bahn, des größten privaten Konkurrenten der italienischen Staatsbahn Trenitalia. Ob Straße, Bahn oder Luft, Montezemolo ist mit seinen 68 Jahren überall, außer am Ende seiner Laufbahn. Und was das Wasser angeht, darauf wandelt sein Kompagnon Giovanni Malagò, amtierender Chef des Nationalen Olympischen Komitees.

Jedenfalls erzählt man sich das in Rom, wo Malagò noch ganz andere Sachen zugetraut werden, seit er als Präsident des Ruderklubs Circolo Aniene zur umschwärmten Lichtgestalt avancierte. Als Sohn eines Luxusautohändlers und einer Exil-Kubanerin stieg der gut aussehende und geschmeidige Ex-Futsal-Profi scheinbar mühelos auf in die oberste Etage seiner Heimatstadt. Längst gilt der 59-Jährige als Inbegriff des weltläufig-lässigen Römers, dem jede Tür geöffnet wird, egal, wie groß die Schlösser sind, die an ihr hängen. Ob Kino-Stars oder Kardinäle, auf Malagò lässt in Rom niemand etwas kommen. In der traditionell zum abgeklärten Zynismus neigenden römischen Gesellschaft ist er sozusagen der größte gemeinsame Nenner. Was den dritten Mann ins Triumvirat bringt: Regierungschef Matteo Renzi.

Geld? Muss da sein. Das Land leistet es sich ja, immer noch für die Fußball-WM 1990 zu zahlen

Montezemolo und Malagò, beide herzlich verbunden mit Italiens Ersatz-Königsfamilie, den Agnellis aus Turin, sind zwar ein Dreamteam für Olympia. Aber ohne Renzi könnten sie nicht viel bewegen. Die Bewerbung für die Spiele 2020 war anstandslos gecancelt worden, als der damalige Ministerpräsident Mario Monti erklärte, Italien hätte für solchen Luxus gerade kein Geld. Vier Jahre ist das her. Seitdem ist die Staatsverschuldung noch gestiegen, aber Renzi tönt siegessicher: "Wir holen die Spiele nach Rom - Paris wird das Nachsehen haben." Mindestens 500 000 Arbeitsplätze könne Olympia schaffen, schwärmte Malagò. Am Dienstag sagte die Regierung dem Bewerbungskomitee zehn Millionen Euro zu.

Das Logo für Olympia präsentieren der Chef des Nationalen Olympischen Komitees Giovanni Malagò, 56, und Luca Cordero di Montezemolo (r.), 68.

(Foto: Massimo Percossi/dpa)

Montezemolo weiß natürlich, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Schließlich hat er selbst von Ferrari eine Abfindung kassiert, die mehr als doppelt so hoch war. Vor allem aber zeichnete er für ein sportliches Großereignis, dessen Kosten Staat und Steuerzahler bis heute abstottern müssen. Der Graf leitete das Organisationskomitee für die Fußball-Weltmeisterschaft 1990, das bislang letzte große Turnier in Italien. Im laufenden Staatshaushalt sind für Italia 90 immer noch 61 Millionen Euro vermerkt - das Geld fließt in die Schulden für den Bau der Sportstätten, die zum Teil schon wieder demoliert worden sind. Ähnlich wie für die Fußball-WM, die Deutschland gewann, übernahm das Land sich für die Schwimm-WM 2009 in Rom, die von Giovanni Malagò koordiniert wurde.

Die für den Wettbewerb geplante "Sportstadt" des spanischen Star-Architekten Santiago Calatrava ist bis heute nicht fertiggestellt, die Kosten stiegen von 200 auf fast 600 Millionen Euro. Aus einem Strafverfahren um die Bauskandale der Schwimm-WM ging Malagò genauso unbefleckt hervor wie seinerzeit Montezemolo aus den Skandalen und Prozessen um Italia 90. Zum Glück für ihn, für Rom und für Matteo Renzi.

Ein Olympia-Referendum wie in Hamburg soll es nicht geben, höchstens eine Meinungsumfrage oder ein bisschen Marktforschung. Sicher ist sicher.

Ob das hoch verschuldete Italien wirklich die Olympischen Spiele braucht, sei dahingestellt. Aber dass Matteo Renzi für Rom dringend nach einem Bürgermeisterkandidaten sucht, ist eine Tatsache. Und da gäbe es weit und breit nur einen, der für die Linke das Rathaus auf dem Kapitols- hügel erobern könnte: Giovanni Malagò. Das Silvesterkonzert im Circus Maximus dürfte 2016 dann kein Problem mehr sein.