Hoffenheim Stehauftrainer

Der angehende Fußballlehrer Julian Nagelsmann treibt Hoffenheim an. Seine Auftritte sind auch ein Statement gegen Vorgänger Huub Stevens.

Von Tobias Schächter, Sinsheim

Julian Nagelsmann sagt, Prüfungen in Physiologie und Sportmedizin seien weniger emotionale Erlebnisse als ein Fußballspiel. Der 28 Jahre junge Trainer der TSG Hoffenheim weiß, wovon er spricht. Am Mittwochmorgen brachte Nagelsmann seine letzten schriftlichen Prüfungen zum Fußballlehrer in diesen Fächern hinter sich, ein Prüfer war extra aus Hennef ins Trainingszentrum der TSG gereist. Nagelsmann ist danach nicht in die Höhe gesprungen und hat auch nicht mit zwei zu Fäusten geballten Händen seine Freude herausgeschrien. So sah man den jungen Mann erst am Abend nach dem 2:1 seiner TSG gegen den FC Augsburg jubeln.

Es ist eine kuriose Situation: Da absolviert Nagelsmann am Morgen noch Prüfungen, die ihm künftig erlauben sollen, jenen Job zu machen, den er am Abend erfolgreich ausfüllt. Der angehende Fußballlehrer und aktive Bundesligatrainer sicherte sich am Mittwoch seinen zweiten Sieg mit der TSG - und damit in vier Spielen so viele Erfolge wie seine Vorgänger Huub Stevens und Markus Gisdol in 20 Partien zuvor zusammen. "Hoffenheim", stellte Augsburgs Manager Stefan Reuter fest, "hat extremen Aufwind." Noch ist Hoffenheim Tabellenvorletzter. Aber die Konkurrenz spürt, dass der fast schon abgeschriebene Klub wieder da ist. Nagelsmann sagt: "Wir sehen wieder Licht am Ende des Tunnels."

Das ist ohne Zweifel der Fantasie, dem Mut, dem Optimismus und der Flexibilität dieses jungen Trainers zu verdanken. Immer auf Torejagd aus, findet Nagelsmann für jeden Gegner einen neuen Zugang, eine neue Aufstellung, eine neue taktische Formation. Das macht die TSG für die Gegner unberechenbar und hält die Spannung der eigenen Profis hoch. Kevin Volland, der unter Nagelsmann wie befreit aufspielt und nach 1083 Minuten wieder ein Tor erzielte, sagt: "Wir merken, dass das, was der Trainer uns mit auf den Platz gibt, funktioniert. Das gibt uns Mut."

Es ist kein Hexenwerk, was Nagelsmann macht, jeder Schachzug ist nachvollziehbar. Und jeder Auftritt ist irgendwie auch ein Statement gegen Vorgänger Huub Stevens, der den Spielern mit taktischer und psychologischer Sturheit all ihre Stärken geraubt hatte. Manager Alexander Rosen findet: "Wir haben eine gute Stehauf-Mentalität, die strahlt der Trainer aus und die strahlt das Team nun auch aus." Vor drei Spielzeiten war Nagelsmann als Co-Trainer dabei, als der TSG in ähnlicher Situation der Klassenerhalt gelang. Von seinem Mentor Bernhard Peters habe er gelernt, nie zwei Teams miteinander zu vergleichen. Aber eines stimme überein, sagt Nagelsmann: "Eine Aufbruchsstimmung war damals da, und sie ist jetzt da." Aus dieser neuen Stimmung, die er selbst mit erzeugt hat, etwas Positives zu schaffen, ist diesem angehenden Fußballlehrer im Praxisstresstest zuzutrauen. Auch am Samstag beim VfB Stuttgart.