Gewichtheben Ruck durch die Hanteln

103 Kilogramm im Stoßen: Julia Schwarzbach aus Görlitz zeigt, dass im Gewichtheben vieles geht.

(Foto: imago)

Julia Schwarzbachs Silber bei den Europameisterschaften in Tiflis befördert den Neuaufbau der deutschen Gewichtheber-Szene.

Von Volker Kreisl, Tiflis/München

Julia Schwarzbach sitzt seit Dienstag schon wieder an ihrem Ausbildungsplatz im Krankenhaus Heidelberg, wo sie medizinische Fachangestellte werden will. Oliver Caruso, Trainer der deutschen Gewichtheber, ist noch in Tiflis bei den Europameisterschaften. Almir Velagic kommt Ende der Woche aus Leimen nach Georgien. Er tritt am Samstag im Schwergewicht an. Und er bringt Müsli mit.

Vordergründig ist es eine typische Gewichtheber-Wettkampfwoche. Die einen gehen, die anderen kommen, und manche Verbände, die wie immer auf die Unterbringung durch den Ausrichter angewiesen sind, behelfen sich selbst, wenn zum Beispiel die Hotelküche nichts taugt. "Wir freuen uns aufs Müsli", sagt Caruso.

Doch die Tage von Tiflis sind für Caruso und den deutschen Verband alles andere als eine durchschnittliche Wettkampfwoche. Caruso frohlockt immer noch über den Sonntagabend, an dem er und das gesamte Team des Bundesverbandes deutscher Gewichtheber (BVDG) überrascht wurden, einschließlich der Hauptdarstellerin Julia Schwarzbach selbst. Eine Silbermedaille war das, mit der niemand gerechnet hatte. "Das gibt allen Motivation für die weitere Arbeit", sagt Caruso, und: "Das gibt einen Ruck durch das ganze deutsche Gewichtheben."

Wenn das ganze deutsche Gewichtheben mal ruckt, dann stellt man sich vor, es würde viel schweres Eisen scheppern, als würde ein Güterzug anfahren. Carusos Aufgabe ist es seit mehr als einem Jahr, als neuer Cheftrainer diese unterschätzte olympische Sportart in Deutschland in eine neue Zukunft zu führen. Die alte Generation um Matthias Steiner ist gegangen, ein paar wie Velagic bleiben noch bis zu den Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Der überwiegende Teil des Teams aber besteht aus Talenten wie zum Beispiel Max Lang, 22, und Matthias Hofmann, 20, vor denen noch eine lange Zeit des Technik- und Kraftaufbaus liegt, damit sie 2020 in Tokio vielleicht einmal um Medaillen mitheben können. Und dann, so hoffen sie jedenfalls, warten in den Vereinen weitere noch recht schmächtige Schüler, die es auch faszinierend finden, eine scheinbar übermenschliche Last zu überlisten.

Zwei Höchstleistungen im Jahr - viel mehr geht nicht

Um Nachwuchsheber zu motivieren, kann man lange auf sie einreden, aber nichts ist so wirkungsvoll wie so eine Silbermedaille. Schwarzbach war schon bei den Spielen in London dabei, wurde dort Elfte und fiel auf, weil sie in diesem Kraftsport beides mitbringt: Muskeln und Ausstrahlung. In Tiflis hat sie nicht nur das Eisen überlistet, sondern auch die Türkin Aysegul Coban, ihre Gegnerin um Platz zwei. Nachdem Coban im Reißen schwächelte, setzte Schwarzbach sie im anschließenden Stoßen unter Druck. Sie riskierte 103 Kilogramm, brachte die Last sauber über den Kopf, und für Coban wurde die Aufgabe auf einmal zu groß: 112 Kilogramm waren zu viel für sie. Caruso sagt, Schwarzbach habe bewiesen, dass es mit Technik, einem ausgetüftelten Formaufbau und reduziertem rund zweieinhalbstündigem Feierabend-Stemmen möglich ist, viel zu erreichen. Und Schwarzbach hat nun beides: einen Ausbildungsplatz und EM-Silber .

Europameisterschaften haben nicht das Niveau wie Olympia oder Weltmeisterschaften, aber in einem Sport, der spezielle Entbehrungen verlangt, bedeutet jede internationale Medaille sehr viel. Zu den Entbehrungen der Gewichtheber zählt es zum Beispiel, dass man sich sehr lange und langsam auf das eine Finale, den einen speziellen Moment vorbereitet. Bis die Hantel vor einem liegt, die Bühne nur einem selbst gehört, hat der Athlet bereits 16 bis 18 Wochen sukzessives Krafttraining - den Fundamentaufbau - hinter sich. Dann wird die Leistung noch ausgeprägt, und dann hat der Athlet genau einen Tag, an dem er sich seinen langen Traum vom Höchstgewicht erfüllen kann. Scheitert er, folgt die nächste Chance, nach Regeneration und Fundamentaufbau, frühestens ein halbes Jahr später.

Doch irgendwo, zwischen Hanteln und Gewichten, in der Einsamkeit des Einzelsportlers, in der anstrengenden Zeit dieses Aufbaus muss ein außerordentlicher Reiz stecken. Caruso sagt, es gebe auch Athletiktraining, und zur Abwechslung gehe man mal Kegeln, aber letztlich sei es schwer, diesen Reiz Außenstehenden zu vermitteln. Nur so viel stehe fest: "Für den Fleiß wirst du belohnt." Wie Julia Schwarzbach in Tiflis.