Gesundheit Kopfverletzungen im Sport: "Ich weiß nicht, gegen wen wir spielten, wo wir spielten"

Chris Heid musste seine Laufbahn wegen Gehirnerschütterungen beenden. Ein Hollywoodfilm über das Thema läuft ab Donnerstag.

(Foto: Eibner/imago)
  • Gehirnerschütterungen können durch klassische Scan-Verfahren nicht diagnostiziert werden.
  • Viele Profisportler - vor allem im Eishockey - spielen trotz Beschwerden weiter, weil der Druck des Arbeitgebers zu groß ist.
  • In den USA haben Forscher herausgefunden, dass die Folgen von Kopfverletzungen bis hin zum Suizid reichen.
  • An diesem Donnerstag läuft ein Film zum Thema in Deutschland an - die Hauptrolle spielt Will Smith.
Analyse von Maximilian Ferstl

Chris Heid spielt einen Pass. Dann kracht es. Sein Kopf kippt ruckartig nach hinten, 90 Kilo landen auf dem Eis. Heid rappelt sich auf. Aber etwas stimmt nicht: Die Spieler, die Halle, die Zuschauer, alles verschwimmt vor seinen Augen. Heid taumelt. Gerade läuft ein Testspiel seiner Bad Nauheimer gegen Frankfurt. Nach einem Bully will er den Puck stoppen - ein Leichtes für einen Eishockey-Profi, doch er verfehlt ihn. Er hat bei dem Check eine Gehirnerschütterung erlitten. Heid, geboren in Langley, British Columbia, verlässt also das Eis. Was er noch nicht weiß: Nach elf Profi-Jahren war dies sein letztes Spiel.

Ein Treffen in einem Regensburger Schnellrestaurant: Chris Heid, 32, kommt in Begleitung seiner Frau und seiner Tochter. Sie helfen ihm beim Übersetzen - und beim Füllen der Erinnerungslücken. Der Zusammenprall von Frankfurt ist zwei Jahre her. Heid hat einen Antrag auf Berufsunfähigkeit gestellt. Die Berufsgenossenschaft (BG) hat ihn akzeptiert und ihm 20 Prozent Invalidität bescheinigt. Immer noch sieht Heid aus wie der kantige Verteidiger, der 265 Mal in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) spielte, für Berlin, Krefeld, Augsburg, Ingolstadt. Eine Statur wie ein Schrank. "Nur weil man etwas nicht sieht, heißt das nicht, dass es nicht da ist", sagt er. Niemand hat gesehen, wie aus einem gesunden Spieler ein kranker wurde.

"Ich war wie ein Zombie"

Schon im Dezember 2011 - Heid spielte für Ingolstadt - krachte sein Kopf zweimal innerhalb weniger Tage in die Bande. Er hatte daraufhin Kopfschmerzen, er übergab sich und schlief täglich 14 Stunden. Er sagt: "Ich war wie ein Zombie." Im Krankenhaus durchleuchteten sie seinen Kopf. Die Bilder zeigten keine Auffälligkeiten.

Das Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, von denen jede 1000 Verbindungen besitzt. Ein harter Aufprall kann die Verknüpfungen verletzen. Das kann Kopfschmerzen, Schwindel, sogar Aggressionen hervorrufen. Klassische Scan-Verfahren (CT, MRT) zeigen diese Störungen nicht. Die Bilder sorgen für "eine trügerische Sicherheit", sagt Andrea Fürst, leitende Ärztin für Neurologie an der Unfallklinik Murnau. Eine Verletzung, die man nicht sieht, wird leicht unterschätzt.

Heid hatte also eine zweite Gehirnerschütterung erlitten, bevor die erste ausgeheilt war, und so ging es weiter. Obwohl sich sein Zustand nicht besserte, machten seine Vorgesetzten Druck: "Sie sahen auf das CT und MRT und sagten: ,Du bist okay, also musst du spielen; oder du hast nächstes Jahr keinen Job mehr'. " Spieler wie Heid haben wenig Verhandlungsspielraum. Seine Frau war im fünften Monat schwanger. Also spielte er. 18 Spiele inklusive Playoffs: "Ich weiß nicht, gegen wen wir spielten, wo wir spielten. Ich habe alles vergessen."