Fußball-Weltverband Fifa Alles noch schlimmer

Das Runde schwebt über dem Eckigen: Im Sitzungssaal des Exekutivkomitees des Fußball-Weltverbandes gibt es keine Fenster. An Licht mangelt es trotzdem nicht.

(Foto: FIFA)

Im Korruptionsskandal muss der Fifa-Vorstand bei seiner Tagung in Zürich erleben, wie seine Sponsoren plötzlich Bedingungen stellen.

Von Thomas Kistner, München/Zürich

In Zürich tagt bis Donnerstag der Vorstand des Weltfußball-Verbandes Fifa. Heikle Dinge gilt es zu regeln, zugleich sorgt die Daueraffäre für eine Rumpfveranstaltung. Suspendiert sind Präsident Sepp Blatter und Vize Michel Platini; Marco Polo del Nero wagt sich ob der FBI-Ermittlungen nicht aus Brasilien weg. Kollege Luis Bedoya, der "Zar" des kolumbianischen Fußballs, ist vor kurzem zur US-Justiz nach New York verreist; zuvor hat er das Amt als Verbandschef niedergelegt. Die Sitzung leitet also der umstrittene Interimschef Issa Hayatou (Kamerun), Stellvertreter ist der just vom Fifa-Ethik- komitee verwarnte Angel Villar Llona (Spanien). Am Tisch sitzt Wolfgang Niersbach, der neu ist in der Exekutive und zugleich wohl sein letztes Gastspiel gibt, weil sich die Fifa-Ethiker bald der Affäre um die WM 2006 in Deutschland widmen. Diese hat Niersbach schon das Amt des DFB-Chefs gekostet. Den Kreis schließt Vitali Mutko (Russland), Urheber der jüngsten Probleme.

Als Russlands Sportminister hat Mutko soeben allen Klubs im WM-Ausrichterland von 2018 die Verpflichtung türkischer Spieler verboten, nicht mal mehr Trainingslager in der Türkei sind erlaubt. Spartak und Lok Moskau sowie Kuban Krasnodar haben erklärt, dass sie sich an die Boykott-Order halten. Sie ist eine Reaktion auf den Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär im syrischen Grenzgebiet. Und sie greift direkt in die Sport-Autonomie ein - in solchen Fällen pflegen die Weltverbände sehr hart zu reagieren. Jedenfalls, wenn kleine oder einflusslose Länder in Afrika, Asien oder Osteuropa betroffen sind, wo die Politik zuweilen korrupte Sportstrukturen aushebelt. In solchen Fällen wird den Funktionären gerne assistiert und die Länder, wie zuletzt Griechenland und Nigeria, werden vom Sport suspendiert, bis die Politik einlenkt.

Im Fall Russland liegt die Sache anders: Wer traut sich schon, gegen Putins obersten Sportbeauftragten anzutreten? Wer suspendiert den nächsten WM-Gastgeber? Die Fifa nicht, sie beobachtet lieber "die Situation genau von Fall zu Fall" - und lässt die Russen gewähren. Denn Probleme hat die Fifa selbst genug. Skandal-Funktionär Jack Warner wird wegen einer weiteren Überprüfung der Auslieferung in seiner Heimat Trinidad und Tobago nun doch frühestens im Februar an die US-Justiz überstellt. Fifa-Gate ist ein Imagedesaster. Die Ermittlungen wegen Korruptionsvorwürfen schrecken neue Sponsoren ab - was bis vor kurzem als unvorstellbar erschien. Nun sind sogar Kategorien der Topsponsor-Klasse frei, und die verbliebenen Partner stellen öffentlich Bedingungen. Sogar Adidas wird jetzt rebellisch, der bisher treue Fifa-Partner.

Gemeinsam mit Visa, Anheuser-Busch, Coca-Cola und McDonald's appellierte der Sportartikelkonzern vor der Sitzung öffentlich an die Fifa, "Veränderungen anzunehmen, Reformen umzusetzen, einer langfristigen unabhängigen Aufsicht zuzustimmen und so einen Kulturwandel anzustoßen". Dass Gazprom im Reigen der kritischen Geldgeber fehlt, passt ins Bild. Putins Gaskonzern dürfte stillhalten, solange die Fifa Russland wegen des Türkei-Boykotts nicht mit Suspendierung droht.

In diesen Sitzungstagen zeigt sich die komplett verfahrene Lage der Fifa. Aber es kommt schlimmer aus Sicht der angeknockten Weltfußball-Makler. Am Dienstag wurde in Paris, still und leise, eine neue Föderation annonciert. Ins Leben gerufen wird der Weltverband der Profiligen (World Association of Leagues), 23 nationale Spielbetriebe aus aller Welt waren präsent und stehen hinter der neuen Organisation. Eine prominent besetzte Arbeitsgruppe soll schon bis Januar die Strukturen dieses Weltverbandes erarbeiten: Unter Vorsitz des französischen Liga-Chefs Frederic Thiriez sind dies die Amtskollegen Enrique Bonilla (Mexiko), Don Garber (MLS/USA), Mitsuri Murai (J-League/Japan) - und Christian Seifert, Vorstandschef der Deutschen Fußball-Liga DFL. Im Boot sitzen auch Englands Premier League und Spaniens La Liga.

Die geballte Fußballmacht wird künftig mitreden - dies ist die Kampfansage des neuen Bündnisses. "Die Profiligen der ganzen Welt wollen an der Erneuerung der Fifa teilhaben", sagte Thiriez in Paris; für ihn steht außer Frage, dass die Ligen "in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden". Zwar sei der Fußball "nicht tot, aber seine internationalen Institutionen sind sehr krank. Wir glauben, dass wir die Managementerfahrung aus unserer täglichen Berufspraxis einbringen können".

Beim Ligen-Gipfel fehlte übrigens nur einer der fünf Kandidaten, die am 26. Februar um Blatters Nachfolge auf dem Fifa-Thron ringen: Gianni Infantino, General- sekretär der Europa-Union. Auch die Uefa zählt ja zu den Institutionen, die den Ligen als "sehr krank" erscheinen. Zugleich erhielten die anderen Bewerber - Blatters Ex-Berater Jérôme Champagne (Frankreich), Edelsteinhändler Tokyo Sexwale (Südafrika), Asiens Fußballchef Scheich Salman Al Khalifa (Bahrain) sowie Prinz Ali aus Jordanien - einen Vorgeschmack auf das, was die Fußballwelt in Zukunft umtreibt. Und wer sie antreibt.