Fifa: Vergabe der WM Stündlich wächst die Nervosität

Nach den Korruptionsaffären bleiben für die WM-Vergabe zwei Favoriten übrig: Spanien/Portugal für 2018 und die USA für 2022. England dagegen hat kaum noch Chancen.

Von Thomas Kistner, Zürich

Sepp Blatter wirkt angeknockt am Tag vor der Wahl. Der zeitlos elegante Fifa-Boss, 74, der sich hingebungsvoll seinem jugendlichen Erscheinungsbild widmet, sieht derangiert aus; nicht wie ein strahlender Sportführer, sondern eher wie einer, der gleich eine tattrige Über-80-Auswahl aufs Feld führen muss. Ganz so hoch liegt der Altersschnitt seiner Fifa-Exekutive noch nicht, die am Donnerstag die beiden WM-Turniere 2018 und 2022 vergibt, aber es sind auch keine physischen Gebrechen, die dem Chef des Fußball-Weltverbandes in diesen Tagen zusetzen.

Ihn peinigen die Bestechungsvorwürfe, die seiner Fifa pünktlich zum Wahltermin aufgetischt wurden, seine Rolle als offenkundiger Mitwisser darin - und die Weiterungen, die sich für die WM-Küren und insbesondere die Zeit danach für Blatter ergeben. Er hat nicht mal eine Pressekonferenz zum Korruptionsthema gegeben, schon gar nicht getraut hat er sich, die drei belasteten Topfunktionäre Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) anzutasten. Im Mai 2011 muss er selbst in die Bütt. Deshalb stehen jetzt auch seine Thronchancen auf dem Prüfstand.

Dazu kam am Mittwoch die Hiobsbotschaft von Wladimir Putin. Russlands Premier stornierte seine Reise zur WM-Kür, damit setzte just der Mann ein Zeichen, den Blatter weit oben auf der Rechnung hatte. Würde Russland die WM 2018 erhalten, könnte ihm Putins legendärer Einfluss auf die Sportwelt in knapp einem Dutzend Ex-Sowjetrepubliken ein hübsches Stimmenpaket für die Fifa-Wahlen 2011 bescheren. Ohne Putin wird wohl nichts draus.

Russlands Premier hat gewöhnlich beste Antennen, als Verlierer dastehen mag er gar nicht - den Rest erzählt die offizielle Version, mit der er absagte: Liebend gern hätte er die Bewerbung persönlich präsentiert, nur hege er größten Respekt vor den Fifa-Vorstandsherren - und wolle daher den Anschein vermeiden, seine Präsenz könne zu deren Beeinflussung führen. Das war gut gebrüllt, doch alles andere als eine Last-Minute-Erkenntnis.

Gut in Erinnerung ist, wie Putin anno 2007, Stunden vor der olympischen Winterspielkür, mit großem Gefolge am Kongressort Guatemala Stadt einfiel und ruckzuck die Weichen für Sotschi stellte (wobei das enge Regelkorsett des IOC hübsch strapaziert wurde). Der tiefere Sinn für Putins Rückzug findet sich eher in Kommentaren wie dem des russischen IOC-Mitglieds Shamil Tarpischtschew: "In letzter Zeit beobachten wir eine offene Kampagne gegen Mitglieder der Fifa-Exekutive, die Schmutz auf diese ausschüttet und sie kompromittiert."

So kann man Bestechungsvorwürfe auch interpretieren. Klar ist, dass die Scheinangebote britischer Journalisten an Reynald Temarii (Tahiti) und Amos Adamu (Nigeria) Auswirkungen auf die Wahl haben. Die zwei Fifa-Hinterbänkler wurden, anders als die drei aktuellen im Fokus stehenden Schwergewichte, vor zwei Wochen suspendiert, ihre Voten fehlen bei der Abstimmung. Dass einer, womöglich beide, pro Russland gewesen sein könnten, war Mittwoch die vorherrschende Einschätzung in den Zürcher Messehallen.

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