Doping nach der Wende Genug Stoff für einen Kabarettabend

Doping gab es nicht nur in der BRD und der DDR - deswegen will der DOSB auch die Zeit nach 1990 untersuchen lassen. Richtig schlimm kann das für den deutschen Sport nicht werden - selbst Staatsanwälte beißen sich am Jetzt die Zähne aus.

Kommentar von Thomas Kistner

Der deutsche Sport will nun seine Dopingvergangenheit seit der Wiedervereinigung eruieren. Hört, hört. Der DOSB erinnert sich also an das, was vor Jahren angestrebt worden, dann aber auf halbem Weg in einem Morast aus sportpolitischem und juristischem Gezänk steckengeblieben war. Denn so emotionslos, wie sich die Berliner Historiker-Gruppe um Giselher Spitzer der Aufgabe annahm, hatten sich die Würdenträger des Sports ihre Vergangenheitsarbeit nicht vorgestellt. Sehr detailliert hatten die Wissenschaftler offenbart, wie Politiker, Funktionäre und Ärzte auch im Westen ein Dopingklima geschaffen und toleriert hatten - bis zur Wende. Als es um die Zeit danach ging, versandete das mit 525 000 Euro geförderte Projekt. Der Auftraggeber, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, war selbst zum Studienobjekt geworden. Im Endspurt wurde den Forschern tendenziöse Arbeit unterstellt, gar ein Unterlassungsbegehr angehängt, als sie sich von der Anti-Doping-Agentur in ihrer Arbeit behindert sahen. Drohgebärden, die folgenlos blieben.

Vergangenheitsforschung ist en vogue, Italien will dem deutschen Beispiel jetzt folgen. Richtig schlimm kann es diesmal gar nicht werden für den nationalen Sport, wenn nun in die Zeit nach 1990 geschaut werden soll. Das ist ja schon deshalb unvermeidlich, weil sich der Sport sonst dem Vorwurf aussetzt, dass es im Lande zwar sehr viel Wissen über ausgefeilte Pharmapraktiken in Ost und West gibt, nicht aber darüber, wie sich die vereinigten Sportsbrüder danach schlugen: Hat sich die Betrugsmentalität der Akteure, die ja oft in ihren Ämtern blieben, nach der Wende in Luft aufgelöst?

Erster Fachaustausch zur Genmanipulation

Natürlich nicht. Es war vor zehn Jahren sogar ein hochdekorierter Leichtathletik-Coach, in dessen vom Staatsanwalt konfiszierten Akten sich der - historisch erste! - Fachaustausch zu Genmanipulation fand. Aber damals verstaute das mit dem Fall befasste Gericht (es ging mal wieder um Doping von Minderjährigen) die brisante Notiz flott in einem bizarren Deal; schnell war die Aufregung vorbei.

Auch sonst steht wenig zu befürchten von einer nationalen Dopingstudie, die ausgeschrieben werden muss und vielleicht 2016 in die Gänge kommt. Historikern fällt es schwer, Vorgänge aus jüngster Zeit aufzuklären, die bis in die Gegenwart reichen. Selbst Juristen würden letztlich an verriegelte Türen klopfen. Das beste Beispiel für deutsche Aufklärung bietet die Uni Freiburg, wo über Jahrzehnte der Sportärzte-Guru Joseph Keul und seine Jünger wirkten. Die Widrigkeiten, mit denen sich dort eine unabhängige Kommission unter Strafrechtlerin Letizia Paoli herumschlägt, füllen mühelos einen ganzen Kabarettabend.

Hilflos wird der neue Historikerstab (die Spitzer-Gruppe dürfte es kaum wieder werden) auch auf andere Kernfragen der Dopingnation blicken. Wie weit gediehen waren Bemühungen der verfeindeten Brüder, einen für Ost und West fruchtbaren Austausch auf Wegen der hohen Sportpolitik zu pflegen: Dopingwissen gegen harte Devisen? Es gab und gibt Zeitzeugen, die derlei aus großer Nähe schilderten. Aber historische Fragestunden werden da nicht viel ausrichten.