DFB "Ich bin voller Wut"

Scharfe Kritik von Bundestrainer Joachim Löw an den Nazi-Parolen deutscher Hooligans beim Länderspiel gegen Tschechien - er fordert "absolute harte Sanktionen".

Von C. Scheele und B. Warmbrunn, Prag/Stuttgart

Die Tagesordnung wäre es gewesen, nur über das Länderspiel an diesem Montagabend in Stuttgart gegen Norwegen zu sprechen, über Fußball, über die Aufstellung. Aber deswegen war Joachim Löw nicht gekommen. "Ich will nicht einfach nur zur Tagesordnung übergehen", sagte er im Stuttgart. Es ging jetzt nicht nur um ein Länderspiel, um Fußball. Es ging jetzt um mehr. Um Haltung.

Beim Länderspiel am Freitag in Prag hatten Zuschauer im deutschen Fanblock wiederholt Schmähgesänge angestimmt, sie hatten Timo Werner beschimpft, sie hatten eine Schweigeminute für verstorbene tschechische Funktionäre durch Rufe und Pfiffe gestört, sie hatten vereinzelt sogar Nazi-Parolen skandiert. Die Mannschaft hatte unmittelbar darauf reagiert und noch auf dem Platz besprochen, dass sie nicht zu den Fans in die Kurve gehen würde, um sich zu bedanken, wie das sonst üblich ist. Löw selbst hatte am Freitag noch gesagt, dass er davon nichts mitbekommen habe, er sei bereits in der Kabine gewesen. Doch nun, zwei Tage später, fand er für die Geschehnisse deutliche Worte.

"Ich bin nicht bestürzt oder traurig, ich bin voller Wut und sehr, sehr angefressen", sagte der Bundestrainer. Die "sogenannten Fans" hätten "die Bühne des Fußballs und eines Länderspiels benutzt und mit ihrem oberpeinlichen Auftreten viel Schande über unser Land" gebracht. Bei jedem Länderspiel im Ausland sei es wichtig, "dass wir unser Land würdig vertreten. Dass wir für ein tolerantes und weltoffenes Deutschland stehen. Diese Chaoten beschädigen unser Land". Was die knapp 200 Zuschauer große Gruppe auf der Tribüne veranstaltet habe, sei "zutiefst verachtenswert", weswegen Löw auch die maximale Distanz zu ihnen suchte: "Diese Chaoten wollen wir nicht, und wir sind nicht deren Nationalmannschaft."

Am Freitag, als Löw sich noch nicht zu den Vorfällen geäußert hatte, hatten sich die Spieler bereits klar positioniert, allen voran Mats Hummels. Der Innenverteidiger bekleidet in der Nationalelf ein gehobenes Amt, er ist seit vielen Jahren dabei, er ist Weltmeister, sozusagen einer der Klassensprecher der deutschen Mannschaft. In Prag wirkte es nun so, als ob er nur angepiekst werden musste, im Gespräch mit den Reportern wartete er geradezu auf die erste Frage zu den Fans. "Das war eine Katastrophe", schimpfte er dann. In scharfem Ton fuhr er fort: "Davon distanzieren wir uns komplett." Er wollte und konnte nicht darüber hinwegsehen.

Auch die Mitspieler bestärkten Hummels, Julian Brandt sagte: "Wenn Gesänge mit nationalsozialistischem Hintergrund kommen, gibt es keinen Grund, das noch zu unterstützen und in die Kurve zu gehen." Die Rufe seien "so weit daneben" gewesen, "dass es nicht mehr zur Diskussion stand, ob wir uns noch verabschieden", sagte Hummels. Er wirkte ernsthaft getroffen vom Ende dieser Dienstreise.

Hummels beschäftigte am Freitag auch bereits die Frage, wie jene Zuschauer überhaupt ins Stadion gekommen waren. Die ätzenden Rufe kamen zwar teilweise aus dem offiziellen DFB-Fanblock, also von Leuten, die über den Verband ihre Karten bestellt haben, vor allem aber von 100 bis 200 Krakeelern direkt daneben, die sich offenbar auf dem Schwarzmarkt versorgt haben - auch von sogenannten Fans der "Kategorie C", die bei Heimspielen längst nicht mehr ins Stadion dürfen. Hummels stellte klar: "Das sind Krawallmacher, Hooligans, die nichts mit Fußball zu tun haben." In Prag, mutmaßte er, hätten es, "diese Leute" offenbar leicht gehabt, an Karten zu kommen: "In Deutschland haben sie es schwerer, was sehr gut ist." Löw verlangte am Sonntag "absolut harte Sanktionen", er sagte: "Jeder, der von denen nicht ins Stadion darf, ist ein Gewinn." Er verzichtete nun auf Diplomatie, und gerade dadurch vertrat er sein Land durchaus würdig.

"Jeder, der von denen nicht ins Stadion darf, ist ein Gewinn."

Als Erster aus der Führungsebene des Deutschen Fußball-Bundes hatte Präsident Reinhard Grindel das Verhalten der Zuschauer am Samstagmorgen verurteilt - verbunden mit einem Lob für die Entscheidung der Mannschaft, nicht zur Tribüne zu gehen. Sie habe ein feines Gespür gezeigt und sich vom Verhalten eines Teils der deutschen Zuschauer distanziert, schrieb Grindel auf Facebook. Das sei ein "klares Signal" gewesen.

Im ARD-Hörfunk sprach er von Hooligans und Rechtsextremisten. Allerdings habe es sich nur um eine ganz kleine Gruppe gehandelt, die zum Teil "auch durch einen Sturm ohne Karten" ins Stadion gelangt sei. Man wisse die Unterstützung der friedlichen Zuschauer, bei denen es auch Empörung gegeben habe, zu schätzen. "Aber wir werden niemals faschistische, rassistische, beleidigende oder homophobe Schlachtrufe dulden. Gemeinsam - als Mannschaft, Fans und DFB - müssen wir uns diesen Krawallmachern entgegenstellen", schrieb Grindel weiter.

Schon an diesem Montag in Stuttgart gegen Norwegen soll eine andere Stimmung herrschen, geprägt durch weniger Hass auf den Rängen, durch mehr Freude am Fußball. So wünscht sich das Joachim Löw, so wünscht sich das Mats Hummels. Als der Innenverteidiger am Freitagabend ging, wirkte er immer noch geladen und aufgekratzt. Aber er hatte gesagt, was gesagt werden musste.