DEL-Playoffs Taktisches Prügeln

Faustkämpfe werden in der Serie zwischen München und Straubing zur Regel. Das seltene Spektakel in Spiel zwei: Die beiden Torhüter kämpfen gegeneinander. Dahinter steckt ein gewiefter Plan.

Von Christian Bernhard, Straubing/München

Man musste kein Prophet sein, um für das zweite Viertelfinalspiel zwischen den Straubing Tigers und dem EHC München eine Faustkampf-Einlage vorherzusagen. Die bayerischen Rivalen waren bereits im ersten Playoff-Viertelfinalspiel der Deutschen Eishockey Liga (DEL), das der EHC am Dienstag mit 5:0 für sich entschieden hatte, so intensiv und provokativ zur Sache gegangen, dass sich Münchens Steve Pinizzotto und Straubings Sean O'Connor - zwei der gefürchtetsten Faustkämpfer der Liga - gleich geprügelt hatten. Damit war klar: Die Stimmung im traditionell hitzigen Straubinger Stadion am Pulverturm würde noch heißer werden.

Was dann aber am Freitagabend passierte, fand nicht nur Münchens Verteidiger Konrad Abeltshauser "auf jeden Fall etwas überraschend". In Minute 34 standen sich plötzlich Matt Climie, Straubings Torhüter, und David Leggio, Münchens Goalie, zum Faustkampf an der Mittellinie gegenüber. Climie und Leggio bescherten der DEL damit den ersten Torhüter-Kampf seit 2004, als Nürnbergs Adam Svoboda und Hannovers Ilpo Kauhanen übereinander herfielen. Und sie wandeln auf den Spuren der NHL-Goalie-Größen Patrick Roy und Ron Hextall, die für ihre Kampfeinlagen fast genauso bekannt waren wie für ihre Paraden. Roy, der als einer der besten Torhüter aller Zeiten gilt, lieferte sich 1996 im NHL-Halbfinale seiner Colorado Avalanche gegen die Detroit Red Wings im Zuge einer Massenschlägerei einen blutigen Kampf mit Detroits Goalie Mike Vernon, der als einer der spektakulärsten "Goalie fights" in die Geschichte einging.

"Glücklicherweise habe ich mich nicht verletzt", sagt Leggio

Auslöser für die Keilerei am Freitag war der Münchner Angreifer Frank Mauer, der nach einem Lattentreffer in Climie gerutscht war. Daraufhin wurde Mauer von mehreren Straubingern - inklusive Climie - angegangen. Die Folge: eine Massen-Rangelei, wie sie beim Eishockey immer wieder mal zu sehen ist. Diesmal aber fuhr Leggio vom anderen Ende des Spielfelds bis zur Mittellinie und forderte Climie heraus. Der nahm ohne zu zögern an, Helm sowie Fanghandschuh flogen - und schon prügelten die zwei Torhüter aufeinander ein. Allerdings nicht lange, da Climie die Auseinandersetzung schnell für sich entschied. "Glücklicherweise habe ich mich dabei nicht verletzt und konnte mich danach wieder auf meine Torhüter-Arbeit konzentrieren", sagte Leggio hinterher, als der EHC durch das 2:1 nach Verlängerung auch Spiel zwei für sich entschieden hatte.

Warum kämpfen Eishockeyspieler? Und dann auch noch die Torhüter? Leggio beantwortete die Frage, die sich wohl die meisten Betrachter des Spektakels stellten. Es gehe darum, sagte der Goalie, "alles, was in deiner Möglichkeit steht" zu versuchen, "um der Mannschaft zum Sieg zu verhelfen." Im Eishockey ist oft die Rede vom sogenannten Momentum, das in einer so schnellen Sportart innerhalb kürzester Zeit wechseln kann. Meist durch ein Tor, aber eben auch durch eine Faustkampfeinlage, die das eigene Team wachrüttelt. "Leggio wollte ein Zeichen setzen", erklärte Abeltshauser, "das hat der Mannschaft auf jeden Fall nochmal extra Schwung gegeben."

In den Playoffs steigt die Intensität - und die Frequenz von Prügeleien

In den Playoffs erhöht sich die Intensität auf dem Eis im Vergleich zur Hauptrunde noch einmal merklich, Pinizzotto betonte nach der ersten Partie, das Spiel werde nun auf ein "neues Level" gehoben. Dem Team-Zusammenhalt kommt in dieser Zeit des Eishockey-Jahres eine noch größere Bedeutung zu, einzelne Szenen können eine Mannschaft noch enger zusammenschweißen und ihr so einen zusätzlichen Schub geben. Der EHC scheint auf bestem Wege zu sein, diesen Schub für sich zu nutzen. "Wir fühlen uns jetzt als Mannschaft sehr, sehr eng", sagte EHC-Trainer Don Jackson.

In Leggios Fall könnte es durchaus auch taktische Gründe gehabt haben - und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen bewies er mit der außergewöhnlichen Aktion, dass er bereit ist, alles für die Mannschaft zu geben, was ihm im internen Torhüter-Duell mit Danny aus den Birken, der Leggio in der Hauptrunde ein ebenbürtiger Stellvertreter gewesen war, einen zusätzlichen Schub geben könnte. Zum anderen wollte er Climies Feldverweis provozieren - und hätte dafür auch seinen billigend in Kauf genommen. In diesem Fall wäre der EHC besser aufgestellt gewesen. Denn Danny aus den Birken, der deutsche Nationaltorhüter, ist zurzeit stärker als Straubings Ersatzmann Dustin Strahlmeier. Dieser vermeintliche Plan ging allerdings nicht auf, Climie und Leggio bekamen zwar jeweils 16 Strafminuten aufgebrummt, durften aber direkt wieder in ihren Kasten.

Dort werden sie voraussichtlich auch am Sonntag bei Spiel drei in München sein. Es sei denn, sie treffen sich mal wieder für eine Prügelei im Mittelkreis.