Dart Romantik in der Turnhalle

Pfälzer Jubel in Niederbayern: Der DV Kaiserslautern hat die Endrunde der deutschen Dart-Meisterschaft in Wörth an der Isar gewonnen.

(Foto: Andreas Winter/DDV/oh)

Bei der erstmals in Bayern durchgeführten Endrunde der deutschen Meisterschaft zeigt sich das einst als Kneipensportart verrufene Dart im sportlichen Habitat. Ein Besuch in Wörth an der Isar.

Von Johannes Kirchmeier

Zehn Uhr, das sei eigentlich keine Uhrzeit für einen Darter, sagt Peter Woldrich und lacht. Dartspieler üben abends, dennoch bilanziert Woldrich, der Teamkapitän des DC Black Birds Kelheim, am Samstagvormittag: "Die Black Birds sind gut aus dem Bett gekommen, das wäre eine gute Schlagzeile." Woldrich lacht wieder, er hat seine Gründe. Einerseits hat seine Mannschaft gerade sein Auftaktspiel, das bayerische Derby bei der 14. Endrunde um die deutsche Dart-Meisterschaft für sich entschieden: 11:1 gegen den DSV Finnigans Harp Nürnberg. Und andererseits sind die Kelheimer ja schon als Titelverteidiger angereist. Was heißt angereist: So kurz war der Weg zur Meisterschaft für sie noch nie, am vergangenen Wochenende fand die erstmals in Bayern statt, genauer gesagt: in der Isarhalle in Wörth an der Isar, Niederbayern - nach einer Dreiviertelstunde Anfahrt für Kelheim also so etwas wie ein Heimspiel gegen Teams wie den DC Vegesack Bremen oder DC Bulldogs Wolfenbüttel. Die Black Birds hatten natürlich die meisten Anhänger dabei und erreichten mit deren Unterstützung am Ende das Finale.

Die Anordnung in Wörth hatte ja fast schon etwas Romantisches: Die lange als Kneipensportart verrufene Leibesertüchtigung, die seit 2010 Mitglied beim Deutschen Olympischen Sportbund ist, kehrt in Niederbayern ins Habitat Turnhalle zurück. Die schmücken sich die Spieler aber dann kneipig: So stehen auf dem blauen Teppichboden fünf Tischreihen nebeneinander, Dartsportler unterhalten sich. Und ja, es lässt sich auch Bierdunst erriechen.

Ein Dartsportler wirft seine drei Pfeile im strengen Dresscode

Die Isarhalle, das ist bei aller Liebe natürlich nicht so ein ehrwürdiges Bauwerk wie der 1873 erbaute Londoner Alexandra Palace, von Dartfreunden liebevoll "Ally Pally" gerufenes Mekka des Dartsports, wo jedes Jahr die Weltmeisterschaft stattfindet. Die Isarhalle hat einen anderen, ihren eigenen Charme. Sie ist viel kleiner, eine solide Zweifachturnhalle unweit des "Wake Lakes", eines Badesees, den die Niederbayern ihren Wörther See nennen und der ebenfalls kleiner ist als der nicht verwandte oder verschwägerte Wörthersee in Österreich. Durch die offene Fensterfront wärmt die Sonne an diesem heißen Seewochenende auch die Isarhalle, in der sonst der Kleiderbasar oder der Wörther Bürgerball stattfinden - oder der Schulsport.

Mit den kurzen Hosen der Kids ist Dart jedoch nicht zu vergleichen, es ist vielmehr eines der letzten Gentleman's Games wie Golf oder Polo, das wird inmitten der Basketballkörbe, Sprossenwände und Kletterstangen, vor denen die Dartscheiben aufgereiht sind, am Wochenende klar. Denn so ein Dartsportler wirft seine drei Pfeile im strengen Dresscode: Zur schwarzen Hose, gerne mit Bügelfalte, trägt er entweder schicke oder nicht so schicke schwarze Schuhe, darüber wahlweise das Team-Hemd oder Polo-Shirt, so könnte man abends auch ausgehen. Zudem ist bei der Endrunde ein herzliches Miteinander beobachtbar wie in nur wenigen Sportarten, ehrenmännisch feuern die Spieler sich gegenseitig an und klopfen sich auf die Schulter. Hier in der Dartwelt bestehen Freundschaften auch unter Gegnern: Ein Spieler aus Vegesack umarmt einen Kelheimer, ein Kelheimer einen Nürnberger, seinen ersten Gegner. Der frühere Fußballtorwart Oliver Kahn hat seinen Torschreck, Brasiliens Ronaldo, vor den Spielen nicht umarmt. Und hätte er damals Pfeile in der Hand gehabt, wäre er wohl auch nicht so locker damit an ihm vorbeimarschiert wie die Dartspieler.

Einige von ihnen klopfen einem Mann mit kurzen Haaren und in Jeans auf die Schulter, Johann Peltzer. Er ist der Präsident des Deutschen Dart Verbandes (DDV), er fühlt sich wohl unter seinen Sportlern, "aktuell 10 600", wie er sagt. Er weiß, dass auch im Dart nicht immer alle glücklich sind. Derzeit diskutieren sie über eine Erhöhung des Mitgliedsbeitrages von zehn auf 15 Euro. Die ersten drohen mit Austritt: "Wir brauchen das Geld aber", sagt Peltzer. Denn sein Verband sei für den Sportler da, anders als der eigenständige internationale Profi-Verband PDC, der die großen Turniere wie die WM im "Ally Pally" durchführt. "Die sind für die Zuschauer da, kommen mit eigenen Übertragungswägen und machen ihre Show." Die Endrunde in Wörth überträgt der DDV auch, allerdings deutlich abgespeckter, als Standleitung ins Netz fungiert Poeltzers Smartphone, es ist eine wacklige Angelegenheit.

Titelverteidiger Kelheim verliert im Endspiel gegen Kaiserslautern

Das ist nicht der einzige Unterschied zum hoch bezahlten Profidart, die besten deutschen Spieler in Wörth bekommen ja höchstens ihr Spritgeld erstattet oder eine Hotelübernachtung. Auch für die angesprochene Show ist kein Platz, kein Ansager schreit laut Zahlen in den Raum, es gibt zwei Lautsprecherboxen, aber keine Einlaufmusik. Stattdessen herrscht eine familiäre Atmosphäre und der Spielleiter Adi Seidl sagt charmant ins Mikrofon: "Ich bin kein großer Showmaster, daher stelle ich nur mal kurz die Mannschaften vor."

Was er dann auch macht, während die Spieler einen letzten Schluck nehmen, bevor sie vor die beleuchteten Scheiben marschieren, wo "bunte Getränke" verboten sind, wie Seidl mahnt. So ein Dartspieler trinkt an einem Tag nicht wenig, die Anspannung schlaucht, nach drei Würfen folgt der obligatorische Schluck Wasser, in den Spielpausen auch mal einer aus einem farbigen Getränk, so weit zu einem Klischee. Ein weiteres, das des dickbäuchigen Dartspielers, stimmt übrigens nicht: In Wörth erkennt man eher ein Abbild der Gesellschaft, dort spickern die Stangerl, wie die Niederbayern zu den Dürren sagen, genauso mit wie Menschen, denen sie gerne ein Bierfass an den Bauch dichten.

Die bayerischen Teams waren übrigens am Ende beide nicht so richtig zufrieden, Nürnberg scheiterte in der Vorrunde, die Titelverteidiger aus Kelheim unterlagen im Endspiel Kaiserslautern und mussten sich wie 2014 mit Silbermedaillen begnügen. Was auch daran lag, dass einer ihrer Spieler im Finale am Sonntagnachmittag daran scheiterte, mit drei Pfeilen zehn Punkte auszuspielen. "Wir sind hier halt alle keine Überspieler", sagt Woldrich, "jeder kann am Ende jeden schlagen." Und gerade das hat die Endrunde in Wörth sympathisch gemacht.