Affäre Amerell/Kempter "Nicht mal mehr die F-Jugend"

Eine Demontage auf Raten: Michael Kempter darf vorerst überhaupt kein Spiel mehr pfeifen, nicht einmal in seinem Heimatverband. Zugleich gerät die neue Schiedsrichter-Führung vermehrt unter Druck.

Von Thomas Kistner

An diesem Freitag tritt das DFB-Präsidium zusammen, dann will Vizepräsident Hans-Georg Drewitz zur Schiedsrichteraffäre im Deutschen Fußball-Bund berichten. Drewitz koordiniert die Arbeit von Kontrollausschuss und Schiedsrichterkommission. "Beide Gremien befassen sich intensiv mit dem Fall Kempter/Amerell", sagt er. Ersteres soll mögliche Sportrechtswidrigkeiten eruieren, Letzteres "die Eignung Michael Kempters als Schiedsrichter prüfen". Erwartet wird ein Zwischenbericht. Doch hinter den Kulissen ist Kempter, der den ehemaligen Funktionär Manfred Amerell der sexuellen Nötigung bezichtigte, bereits ins Bodenlose gestürzt.

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Kempter, unlängst zum Fifa-Referee gekürt, darf vorerst gar nicht mehr pfeifen. Auch keine Amateure, "nicht mal mehr die F-Jugend", sagt ein Eingeweihter. Zunächst hatte das DFB-Präsidium den 27-Jährigen bis zur Klärung der Causa vom Profibetrieb suspendiert - 24 Stunden, bevor Kempter in der dritten Liga den Neuanfang hätte angehen sollen, wie es der neuformierte Schiedsrichterstab unter Herbert Fandel geplant hatte.

Nun ist die Demontage auf Raten abgeschlossen. Erst warfen ihm die Verbände Badens und Württembergs die Tür zur gemeinsamen Oberliga zu, dann zog sein Heimatverband nach, bestätigt SBFV-Chef Alfred Hirt: "Kempter wird im Bereich des Südbadischen Verbandes nicht mehr pfeifen." Hessens Landeschef Ronald Zimmermann nennt das eine Selbstverständlichkeit: "Es hätte niemand verstanden, wenn Kempter bis zur Regionalliga nicht als Spielleiter in Betracht käme, ab der Oberliga abwärts aber schon." Die Landesverbände gehen auf Kollisionskurs zu Schiedsrichterchef Fandel, der Kempter gern bis zur dritten Liga hatte pfeifen lassen wollen.

Wack rückt ins Visier

So wächst der Druck auf das neue, von DFB-Präsident Theo Zwanziger hastig per Sonderbundestag im April umgemodelte Schiedsrichterwesen. Irritationen gab es schon, als herumkam, dass Fandel früh von Kempters Sexvorwürfen gegen Amerell wusste - und seinen Amtsvorgänger Volker Roth zur Weitermeldung der aus Roths Sicht damals schon fragwürdigen Geschichte an die DFB-Spitze gedrängt hatte ("Wenn du es nicht machst, mach' ich es").

Nun rückt verbandsintern ein zweiter ehemaliger Referee, der mit der alten Führungsriege Roth/Amerell über Kreuz lag, ins Visier: Franz-Xaver Wack. Wack hatte als Vertrauensmann der angeblich bedrängten Referees um Kempter agiert, nach Aktenlage soll er sogar selbst einen der drei zusätzlichen Belastungszeugen besorgt haben. Früh lehnte er sich in Fernsehinterviews aus dem Fenster, dozierte über den Austausch von Gefälligkeiten, von der angeblichen Herausgabe von Regeltestantworten bis zur erzwungenen Fummelei auf Autofahrten. "Glauben Sie, dass Amerell lügt?", wurde er im Sportfernsehen gefragt. "Ja", sagte Wack, "eindeutig."

Das war im Februar. Ab März ermittelt die Staatsanwaltschaft Augsburg, im Juni stellte sie die Ermittlungen ein, Amerell wird nichts Strafwürdiges vorgeworfen. Das bringt nicht nur den DFB in Bedrängnis, der Amerell nie konkret angehört hat zu öffentlich ausgebreiteten Vorwürfen, sondern auch Wack, den Amerell als Teil einer Verschwörung sieht und in einem gesonderten Prozess angehen will. Den Auftakt aber bildet eine Schadensersatzklage gegen Kempter, im November soll verhandelt werden. So tastet sich Prüfer Drewitz beim DFB über zunehmend vermintes Geläuf.

Nachholen der Versäumnisse

Seine Untersuchung, betont er, gelte nur der Eignungsfrage bei Kempter. Doch holen die Gremien dabei in aller Stille nach, was der DFB im Februar, als er Kempter und Kollegen vernommen und deren Nötigungsvorwürfe publik gemacht hatte, unterlassen hatte: Auch Amerells Version und Belege werden begutachtet. Dafür ist eine Anhörung zunächst nicht nötig, es liegen ja die Aussagen aller Betroffenen beim Staatsanwalt auf dem Tisch. Dazu ein weiteres Dokument, das Urteil des Kölner Landgerichts, das den DFB-Juristen Hans-Georg Drewitz besonders interessieren dürfte: Es liefert klarsichtige Einschätzungen zu der Kernfrage, ob das Verhältnis Amerell/Kempter einvernehmlich oder erzwungen war.

Das Landgericht hatte Ende Juni eine Verfügung Kempters gegen Amerell verworfen, der die über Jahre hinweg verschickten Liebesmails des angeblich genötigten Referees veröffentlicht hatte. Im Kölner Urteil heißt es nun unter anderem: "Aufgrund der Schwere der Vorwürfe - sexuelle Nötigungen - und aufgrund dessen, dass diese Vorwürfe von Kempter (...) öffentlich unter Preisgabe intimer Details dargestellt wurden, und zwar hinsichtlich der Frage der Freiwilligkeit gänzlich anders, als die Intimitäten dem E-Mail-Wechsel der Parteien zu entnehmen sind, hatte er seinen Anspruch auf Schutz seiner Geheimsphäre aufgegeben." Kempter habe öffentlich "selbst dargestellt, was gegen seinen Willen passiert sein sollte" - aus Amerells Mailsammlung "gewinnt der Leser hingegen den Eindruck, dass die Parteien einvernehmlich eine Beziehung führten, mit den in einer Beziehung typischen Problemen und Sorgen".

Sollte sich diese Sichtweise am Ende durchsetzen, müsste der DFB auf Personalfragen zusteuern, die weit über Kempter hinausreichen.

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