Mein Deutschland Wie ein gezogener Zahn

Ein Stück Berlin.

Eine Kolumne von Aktham Suliman

Von außen betrachtet, kann die Szene nur Staunen hervorrufen: Tausende Berliner demonstrieren für den Erhalt eines Mauerstückes. Das Bild, das die Außenwelt kennt, erkennt und anerkennt, ist aber eher das von den Tausenden Berlinern, die Ende der 80er Jahre die Mauer niederreißen. Was ist nur mit den Berlinern los, könnte sich ein Japaner, Amerikaner, Russe oder auch Araber fragen. Wollen sie nun eine Mauer oder nicht?

Beim genaueren Hingucken wird das Bild allerdings differenzierter. Das "East Side Gallery" genannte Restmauerstück muss als Gedenkstätte erhalten bleiben. Es geht um Geschichte und Erinnerung. Niemand weiß das besser als die in Berlin arbeitenden Auslandsreporter. Ob zum 40. oder 50. Jahrestag des Mauerbaus oder zum 10. oder 20. Jahrestag des Mauerfalls, man traf sich selbstverständlich dort. Nirgends war und ist eine "Story" über die Teilungszeit in Deutschland besser zu beenden als hier, mit einem vor der bildfüllenden Restmauer kommentierenden Reporter.

Außerdem ist die "East Side Gallery" ein Stück Berlin. Was hat Berlin, was München, Stuttgart, Frankfurt, London, Rom oder Paris nicht haben? Die Mauer natürlich. So jedenfalls sehen es die Millionen Touristen, die Jahr für Jahr Berlin besuchen. Berlin ist "arm, aber sexy", sagt Bürgermeister Klaus Wowereit. Die "East Side Gallery" ist ein Wahrzeichen der Stadt, sagen die Berliner. Ein von einem Bagger herausgerissenes Mauerstück ist wie ein gezogener Zahn. Beides hinterlässt eine Lücke. Beides heißt: nicht mehr sexy. Bei der Traumdeutung im Orient gilt sogar: Wenn einem im Traum ein Zahn gezogen wird, bedeutet das Unheil. Die protestierenden Berliner haben das In- und Ausland daran erinnert, dass es die Menschen - nicht die Luxuswohnungen bauenden Firmen - waren, die der Teilung Deutschlands ein Ende setzten. Und das ist auch gut so.

Aktham Suliman ist freier Journalist. Er lebt und arbeitet in Berlin.