Mein Deutschland Diese Trophäen wollte man schnell loswerden

Der größte Agentenaustausch nach dem Kalten Krieg.

Eine Kolumne von Andrey Kobyakov

Ist es Zufall, dass zwei Possen die Welt gefesselt haben? Das deutsche Tintenfisch-Orakel Paul und der russisch-amerikanische Spionage-Krimi entbehren nicht einer gewissen Komik. Dass viele Menschen sie trotzdem ernst nahmen, dürfte typisch für die Krisenzeit sein, als suchte man Zerstreuung von wirklichen Problemen. Auf die Gefahr hin, ein Spaßverderber zu sein: Jeder Schüler weiß, dass Tiere nicht Fußballergebnisse vorhersagen können. Meine Kinder jedenfalls haben gefragt, was der Tierpfleger wohl in Pauls Futter gemischt hat, damit der Tintenfisch zur jeweiligen Kiste zieht. Was aber machten Europas Publikum und seine Star-Spieler? Sie warteten mit Ungeduld und aufrichtiger Aufmerksamkeit auf neue "Vorhersagen", sie hielten diese "Prognose" für fatale Schicksalszeichen, sie bekamen starkes Lampenfieber. Man kann jetzt nur rätseln, welches Bundesverdienstkreuz Paul bekommen hätte, wenn die deutsche Elf mehr Glück gehabt hätte.

Agentenaustausch in Wien: USA schieben zehn Spione ab, Moskau lässt vier Häftlinge frei.

(Foto: dpa)

Nicht weniger komisch mutet die russisch-amerikanische Spionageaffäre an. Wo diese Geschichte gebacken wurde, ob im Weißen Haus oder im Kreml, darüber lässt sich nur rätseln. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass der "größte Agentenaustausch seit dem Kalten Krieg" Teil der Strategie "Neustart" für bessere Beziehungen zwischen Washington und Moskau ist. Denn die Qualität dieser geheimdienstlichen Operation erinnert eher an das Spiel Schlagdame - wer keine Steine mehr hat, gewinnt.

Die Tatsache selbst, dass die sensationelle Entlarvung in den USA erst nach dem Besuch von Medwedjew in Washington und dem G-20-Gipfel stattfand, ist allzu merkwürdig. Und was für ein Schaden den USA diese zwölf sogenannten illegalen Spione zufügen konnten, bleibt bis jetzt ein Rätsel. Zehn Jahre aber sollen sie bewacht worden sein. Dabei ist die russische Mata Hari, Anna Chapman, erst 28 Jahre alt, und der zuletzt entlarvte Spion ist ein 23-jähriger Microsoft-Anfänger. Sie werden auch der Geldwäsche bezichtigt, aber um wessen Geld es sich handelt, ist unklar: Gehörte es vielleicht dem russischen Geheimdienst? Unter dem Strich tauschten Moskau und Washington zwölf Russen, die sich als russische Spione in den USA schuldig bekannten, gegen vier Russen, die als westliche Agenten in Russland verurteilt worden waren. Verdächtig, dass beide Parteien bereit waren, ihre Trophäen so schnell loszuwerden.

Je tiefer man in diese dunkle Geschichte einsteigt, desto stärker wird das Gefühl, dass uns ein schlecht vorbereitetes Theaterstück präsentiert wurde. Es geht dabei um absurdes Theater, dessen Bretter die Massenmedien sind. Man kann nicht ausschließen, dass im Finale dieses Spektakels alle erbärmlichen russischen Agenten vom Kreml sogar ausgezeichnet werden. Das wäre sogar irgendwie logisch, wie im Fall des deutschen kopffüßigen Orakels Paul, des Ehrenbürgers der spanischen Gemeinde Carballiño.

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Andrey Kobyakov arbeitet in der russischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn.