Nicht nur in Tunesien macht sich Unzufriedenheit breit.
Geplant waren der Aufstand und der Umsturz in Tunesien nicht: Nachdem ein junger Tunesier sich aus Perspektivlosigkeit und Frustration öffentlich in Brand steckte, löste seine Tat Massenproteste aus. Der seit über 23 Jahre regierende Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali wurde gestürzt und aus dem Land vertrieben. Nun hoffen die Tunesier auf ein demokratisches Wahlsystem. In der arabischen Welt werden die Aufständischen gefeiert. Die Machthaber dagegen verhalten sich ruhig. Sie befürchten, dass die Demonstrationen in Tunesien weitreichende Folgen für die ganze Region haben könnten, die geprägt ist durch die repressiven Regimes von Autokraten, die zum Teil bereits seit Jahrzehnten an der Macht sind. Ob tatsächlich andere arabische Länder dem Beispiel Tunesiens folgen, ist unklar. In Jordanien und Algerien gingen tausende Menschen auf die Straße. Sie demonstrierten gegen die Arbeits- und Perspektivlosigkeit, gegen die Preiserhöhungen von Grundnahrungsmittel, gegen mangelnde Pressefreiheit und Korruption. Auch in Libyen und Ägypten kam es deswegen zu Demonstrationen.
Bild vergrößern
Tunesische Online-Revolution: Nach dem Sturz des tunesischen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali haben viele Tunesier die tunesische Flagge mit den Händern zu ihrem Facebook-Profilfoto gemacht. (© dpa)
Anzeige
Im Netz wird Tunesien gefeiert. Viele Blogger ziehen gleichzeitig eine Bilanz der eigenen Regimes. Auf dem jordanischen Blog black-iris.com erhielt der Autor Naseem Tarawnah viel Zustimmung, nachdem er festgestellt hatte: "Wie in Tunesien macht sich auch in Jordanien die wirtschaftliche Unzufriedenheit breit. Trotzdem glaube ich nicht, dass es hier zu Ausschreitungen kommen wird, da unsere politische und wirtschaftliche Lage nicht mit der in Tunesien zu vergleichen ist. Mehr als ein paar Proteste sind nicht zu erwarten, ein Umsturz wird es auf keinen Fall geben."
Auf dem algerischen Forum vivalalgerie.worldpress.com gratulieren die Nutzer ihren tunesischen Brüdern: "Wir hoffen, dass die von den Tunesiern ergriffene Freiheit nicht von der Armee, der Polizei und den Anhängern des Regimes beschlagnahmt wird", schreibt der Autor MnarviDZ. Er erinnert, dass Algerien vor über zwei Jahrzehnten, im Jahr 1988, ähnliche schwere Unruhen durchgemacht hat: "Vieles hat sich zwar verändert, aber es reichte nicht. Die Bevölkerung wurde von der Macht, die nicht weichen wollte, verraten. Auch die Opposition verkaufte ihre Seele. Wir werden sehen, wie es in Tunesien läuft." Der Leser Pandora ist der Meinung, dass Tunesien Respekt verdient: "Sie haben nicht aufgehört für das, was sie fordern, zu protestieren. Doch wie sieht es bei uns aus?", fragt er. "Wird unser Präsident alles tun, um ähnliche Zustände bei uns zu vermeiden, oder stehen die Menschen bei uns sowieso unter Hypnose?"
Der einzige arabische Staatschef, der seine Empörung über Tunesiens Umsturz öffentlich zeigte, war der libysche Präsident Muaamar Al Gaddafi. Dessen Regierung versprach, alle Probleme der Libyer zu lösen, um Proteste zu vermeiden. Der Blogger Naji Al Faitouri, der auf najial-faitouri.maktoobblog.com seiner Meinung über den korrupten libyschen Staat freien Lauf lässt, weist darauf hin, dass das Lügen sind: "Seit Jahren lügt uns der Revolutionsführer an. Er ist von einem korrupten Gefolge umgeben und sollte keine Ratschläge verteilen. Schon gar nicht an die Tunesier, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen." Er schreibt weiter: "Gaddafi nennt sich Revolutionsführer, kritisiert aber andere Völker die gegen einen korrupten Staat demonstrieren. Wie geht das?"
Auch die ägyptischen Blogger teilen die Freude der Tunesier, kritisieren aber gleichzeitig das korrupte Regime ihres Landes. "Die Regierung sollte aufhören die Pseudo-Leistungen von Mubaraks Wirtschaftspolitik aufzuzählen, da die sowieso keiner glaubt", schreibt Zenobia auf egyptianchronicles.blogspot.com. "Die Regierung versucht sich damit einzureden, dass das, was in Tunesien passiert ist, nicht auch in Ägypten passieren kann."
- Mein Deutschland Die Briten freuen sich über jede noch so kleine Verbesserung 07.02.2011
- Sprachlabor (94) Nur mit Bedacht gebrauchen 07.02.2011
- Die besten Blogs aus ÄGYPTEN 03.02.2011
- Mein Deutschland Ein zu langer Kuss 01.02.2011
- Sprachlabor (93) Arbeite bitte etwas genauer! 24.01.2011
- Mein Deutschland Zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl 24.01.2011
(SZ vom 20.01.2011/ib)
Reiseknigge: Türkei
Die tunesische Nation muss den Weg schaffen; die Transformation von der einstigen Autorkratie hin zur Demokratie. Dieser Prozess ist schwierig und gefährlich, da es immer Leute geben wird, die hierbei alles setzen werden, um diesen Wandel zu verhindern. Das arabische Land hat viele Baustellen zu schließen und Aufgaben zu lösen:
http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/14/offener-brief-an-die-tunesische-nation/.