Überlebende berichten vom Titanic-Untergang Verformt wie eine Banane

Die französischen Geschwister Michel und Edmond waren von ihrem Vater in das letzte Rettungsboot gesetzt worden, das die Titanic verließ.

(Foto: Reuters)

02:10 Uhr: Kapitän Edward Smith betritt die Funkkabine und entlässt die immer noch diensttuenden Funker. Das Wasser hat die Kommandobrücke erreicht. Der Legende nach stimmt die Bordkapelle ihr letztes Lied an, den Choral "Näher, mein Gott, zu Dir".

02:15-02:20 Uhr: Das riesige Gewicht des Achterschiffs mit den Maschinen, Generatoren, Schraubenwellen und der fast fünfhundert Tonnen schweren Niederdruckturbine hält das Heck zunächst noch halbwegs in der Waagerechten. Die dadurch freiwerdenden Biegekräfte verformen den Rumpf der Titanic wie eine Banane, das Knarzen und Ächzen des Metalls steigert sich zu einem kreischenden Creszendo. Der erste Schornstein knickt an der Basis ein und fällt nach vorne auf die Kommandobrücke. Im Schiffsbauch brechen weitere Schotts unter dem ungeheuren Wasserdruck und auch bisher noch trockene Innenräume werden geflutet. Der Neigungswinkel zum Bug hin nimmt dramatisch zu - 30,35, bis zu 45 Grad. Schließlich ragt auch das Heck 60 bis 70 Meter hoch aus dem Wasser. Dort kämpft Frank Prentice um sein Leben. "Ich klammerte mich an die Reeling. Zwei, drei Mann neben mir konnten sich nicht mehr festhalten."

Die Titanic bricht zwischen dem dritten und dem vierten Schornstein auseinander. Mit einem Schlag gehen auf dem bis dahin hell erleuchteten Schiff alle Lichter aus - ein krasser Gegensatz zur gleißenden Helligkeit, in die das Schiff vom Beginn der Katastrophe an getaucht war.

Innerhalb von Sekunden sackt der vollgelaufene vordere Schiffsteil nach unten weg. Auch das letzte Stück vom Kiel, das bei Hälften noch verbindet, bricht weg. Das Achterschiff fällt in eine fast waagerechte Position zurück, wohl in diesem Moment trifft Charles Lightoller eine Entscheidung: "Dann neigte sich das Heck wieder etwas mehr in die Horizontale und ich dachte mir: 'Zeit zu gehen' - und ließ mich fallen. Es schien ewig zu dauern, bevor ich im Wasser aufschlug."

Das vordere Schiffsteil geht schnell unter. Auch der Erste-Klasse-Passagier Archibald Gracie wird unter Wasser gezogen. "Zunächst hielt ich mich an der Reeling fest, ließ aber bald los. Ich wurde im Wasser herumgewirbelt." Angetrieben von Luftmangel und der Angst, im explosionsartig entweichenden Kesseldampf unter Wasser verbrüht zu werden, strebt er nach oben. "Ich schwamm mit ungeahnter Kraft und als ich es schließlich an die Wasseroberfläche geschafft hatte, befand ich mich schon ein gutes Stück vom Schiff entfernt."

Trotz der schweren Maschinen am unteren Ende verharrt das Heck noch kurz senkrecht im Wasser. Dann versinkt auch dieser Teil des Schiffs.

02:20 Uhr: Als die Titanic untergeht, schaut der vierte Offizier Herbert Pitman im Rettungsboot Nr. 5 auf seine Uhr und verkündet die genaue Uhrzeit. Den im Wasser treibenden Passagieren nützen weder ihre Schwimmwesten noch Wrackteile, an denen sie sich festklammern. Die meisten sterben an Unterkühlung und Entkräftung - und weil ihnen einige Besatzungen in den Rettungsbooten Hilfe verweigern. Das ist für den 17-jährigen Jack Thayer, der seine Erlebnisse zu einem Buch verarbeitet hat, eine der schlimmsten Erinnerungen: "Man hörte die Schreie für etwa 20 bis 30 Minuten. Sie wurden schwächer, als einer nach dem anderen der Kälte und der Anstrengung nicht mehr standhalten konnte." Eine der Überlebenden erinnert sich später an hitzige Diskussionen in einem der Boote. "Ich konnte nicht verstehen, wie sie sich von den so jämmerlich Schreienden abwenden konnten. (...) Ich sagte zu ihnen: 'Ihr habt eure Männer hier bei euch, aber mein Mann ist vielleicht einer der Rufenden.'"

04:00 Uhr: Die RMS Carpathia, ein englisches Passagierschiff der Cunard Linie, erreicht die Unglücksstelle. Von den mehr als 2200 Menschen an Bord überleben nur 711 die Katastrophe.