Sahara Weichen für ein hartes Land

Per Anhalter durch die Sahara: Fährt man durch die Wüste in Richtung Mauretanien, trifft man auf Hitze, Kälte, Sandstürme und eine Landschaft wie für einen Auto-Werbespot entworfen.

Von Winfried Schumacher

Bis zur mauretanischen Grenze dauert es noch eine Tagesetappe und mindestens zwei Reifenpannen. Der voll gestopfte Mercedes muss vor vielleicht vierzig Jahren der Stolz eines schwäbischen Industriellen gewesen sein.

Geheimnisvolle Sahara

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Ein schmerzhafter Abstieg für das edle Gefährt. Vom Blickfang eines Stuttgarter Villenvororts zum sandgeschliffenen Wüstentaxi. Vom Konkurrenten von Porsche und Rolls Royce zum Wegesgenossen von Eselkarren und Dromedaren.

Dennoch könnte es sein, dass der rostige Schlitten, den das Schicksal hierher an den Rand der Sahara wehte, nie bessere Tage gesehen hat. Vorausgesetzt natürlich, Autos träumen wie Menschen von großen Abenteuern und unendlichen Weiten. Jedenfalls steht fest, dass der alte Wagen nie einen so stolzen Besitzer hatte wie den Chauffeur, der nun in den extremen Süden dessen fährt, was hier offiziell Königreich Marokko heißt.

Liebevoll tätschelt der Alte die Gangschaltung und erzählt mit funkelnden Augen, dass sein guter Benz bisher jeden Sandsturm und auch die tiefsten Schlaglöcher zwischen Marrakesch und Dakar wohlbehalten überstanden hat. Und sein Motor sei wie das Herz eines Kamels, nur eben unsterblich. Am Rückspiegel, da wo früher ein Wunderbäumchen bieder-süßes Rosenparfum verströmt haben muss, baumelt nun der Name Gottes, umschlungen von einem wunderbaren Geflecht aus arabischer Schrift.

Explosiver Boden

An der Windschutzscheibe kleben Heuschrecken, die der Wind über die Sahara gefegt hat. Draußen fliegt eine Welt vorbei, wie für einen Daimler-Chrysler-Spot entworfen: Eine kerzengerade Teerstraße, nach allen Seiten ist der Horizont so weit wie der Himmel.

Wohl nirgends sonst gibt es auf einen Blick soviel Nichts. Links gelber Sand und niedergebrannte Steine. Rechts nichts als der Ozean, der hier mit voller Wucht gegen die Sahara prallt. Darüber dieses fahle, mit blassen Dunststreifen durchsetzte Blau. Wüste, Wasser und Wolken wetteifern, wer wohl am weitesten ist, und wo es am meisten Einsamkeit zu atmen gibt. Die Route ist ein Asphaltfaden am Rande einer lebensfeindlichen Welt.

Wozu aber eine asphaltierte Straße, wo es außer Sand und Salzwasser scheinbar nichts zu holen gibt? Der Schein trügt. Dies hier ist explosiver Boden. In diesem Land hat jeder Betonpfosten etwas mit wirtschaftlichen Interessen und politischem Kalkül zu tun.

Seit Jahrzehnten tobt eine bittere Auseinandersetzung zwischen den Freiheitskämpfern der Saharauis, der alteingesessenen Wüstenstämme der Westsahara, und den Nachbarstaaten. Es ist ein Kampf um die reichen Phosphatvorkommen des Landes und um politische Unabhängigkeit. Die Vereinten Nationen feilschen mit Marokko um den künftigen Status des Landes, das Marokko für sein selbstverständliches Territorium hält.

Als die Spanier 1975 den kargen Küstenstreifen aus der Kolonisation entließen, gelang Hassan II. ein bemerkenswerter Coup. Der damalige marokkanische König führte im berühmten "Grünen Marsch" einen Zug von mehr als 300.000 Zivilisten an, die singend und betend, so heißt es, das Land einnahmen. Marokko holte sein vorkoloniales Erbe ins Königreich heim.