Reliquienverehrung in Italien Eine Reliquie, die es nur einmal geben konnte

"Sehen Sie, hier ist das ganze Heilsgeschehen dargestellt", sagt Don Enrico, während er mit zurückgelegtem Kopf auf die Stuckreliefs über dem Altarraum weist: Eine Szene schildert die Beschneidung des acht Tage alten Jesus; seine jüdischen Eltern brachten ihn natürlich in den Tempel zur Brit Mila. Seit dem frühen Mittelalter, erzählt der Geistliche, feiere die Kirche das Fest der Beschneidung am 1. Januar. Dann verdüstert sich seine Miene und er wendet sich dem leeren Tabernakel zu. "Sie raubten sogar dessen mit Edelsteinen verzierte Tür." Wie sein Vorgänger, Don Dario, macht der jetzige Ortspfarrer gemeine Habgier für den Verlust des Sanctum Praeputium verantwortlich.

Doch viele glauben nicht an diese Geschichte. "Die meisten hier verdächtigen den Vatikan", sagt etwa Giancarlo Croce. Der Mann mit Designerbrille hat sein Atelier in einer ehemaligen Schmiede hinter der Dorfkirche. Dort malt Giancarlo Croce bunte Mandalas, ritzt in Marmorplatten filigrane Reliefansichten Calcatas - und verkauft Postkarten mit dem Bild des Sanctum Praeputium. Er restaurierte die Reliquie im Jahr 1982 und habe sie damals fotografiert, erzählt Croce. "Ich war einer der Letzten, die sie zu Gesicht bekamen. Wenig später, am Tag vor der Prozession, behauptete der Pfarrer plötzlich, die Reliquie sei entwendet worden." Aber es sei doch auffällig, sagt Croce, dass in dieser Sache nie Anzeige erstattet wurde. Die Kirche selbst, so glaubt Croce, habe die Reliquie aus dem Verkehr gezogen - weil ihr die Verehrung peinlich geworden war. "Die Kirche mit ihrer Fixierung auf das Sexuelle: eine Vorhaut anbeten! Im ausgehenden 20. Jahrhundert empfand man langsam die Lächerlichkeit eines solchen Kultes", glaubt Giancarlo Croce, der früher überzeugter Kommunist war und sich heute als Pazifist bezeichnet. Künstler ist Croce, doch von seiner Kunst kann er nicht gut leben. "Es ergeht mir schlimmer als Van Gogh, seit Jahren konnte ich kein einziges Werk mehr verkaufen", erzählt er. Was auch daran liegen mag, dass Calcata nur an Wochenenden von Touristen besucht wird. Mit dem Verschwinden der Reliquie verblasste auch Calcatas Ruhm - und damit seine Bedeutung als Pilgerstätte.

Verbindung zum Jenseits

Legenden berichten, dass das Sanctum Praeputium nach der Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen im Jahr 1527 nach Calcata gelangte. Auf der zentralen Piazza steht die Kirche vom Allerheiligsten Namen Jesu. In einem Schrein über dem Hauptaltar wurde die Reliquie ausgestellt, als Ziel von Pilgerscharen. 1584 bekamen Wallfahrer, die hier das Sanctum Praeputium verehrten, von Papst Sixtus V. einen Ablass gewährt.

Im Mittelalter stellten körperliche Überreste von Heiligen und Dinge, die von diesen berührt und so mit ihrer Kraft aufgeladen waren, eine Verbindung zum Jenseits dar. Um Reliquien führte man Kriege. Fromme Menschen wurden zu Dieben, nur um in den Besitz eines dieser wundertätigen Gegenstände zu gelangen. Besaß man eine Reliquie, stand einem der Himmel offen. Überreste des Heilands wurden besonders verehrt: seine Haare, Windeln, die Milchzähne, Zehen- oder Fingernägel. Am kostbarsten jedoch war, was es nur einmal geben konnte: die "heilige Vorhaut Christi". Und doch konkurrierten in der Vergangenheit gleich mehrere Orte um die Ehre, in ihrem Besitz zu sein: in Frankreich die Abtei Charroux bei Poitiers, in Deutschland Kloster Andechs. Bis zum reformatorischen Bildersturm wurde eine Vorhaut-Reliquie in der Frauenkirche von Antwerpen verehrt. Heinrich V. von England soll seiner Frau Katharina von Valois das Sanctum Praeputium geschenkt haben, damit es eine gute Entbindung bewirke.

Ganzjährig leben heute in Calcata nur etwa 60 meist ältere Menschen. An einem gewöhnlichen Werktag ist hier kein einziges Lokal geöffnet. Man muss ein Stück der Straße entlang in Richtung Calcata Nuova wandern, um mittags satt zu werden. Im Ristorante I Tre Monti gibt es Strozzapreti, "Priesterwürger". Die kurzen geschwungenen Nudeln werden mit Pfeffer und Ziegenkäse vermengt, als Hauptgang schlägt der Wirt Wildschweinkotelett vor. Am Nebentisch sitzen zwei Carabinieri, ihre dunkelblauen Mützen sowie die Schnellfeuerpistolen ruhen in Griffweite auf einem freien Stuhl. Beim Espresso gesellt sich der Chef zu den Staatsdienern und berichtet von seiner Militärzeit in Udine. In der amerikanischen Bar des Nato-Stützpunktes hätten sich damals oft schöne Mädchen in sehr kurzen Röcken aufgehalten. "Aber ich war nur ein Mal dort - bei einem Gehalt von 170 Lire pro Tag sind 5000 Lire für ein Bier etwas viel", erzählt der Restaurantbesitzer lachend, dabei wackelt sein Kugelbauch. Nachdem sich die Carabinieri verabschiedet haben, schaltet sich auch Teresa Di Cosimo in das Gespräch ein. "Hier schlummern noch viele archäologische Schätze unter der Erde", erzählt die dunkelhaarige Frau, die Führungen zu den nahen, öffentlich zugänglichen Faliskergräbern anbietet. "Die Männer im Alter meines Vaters erbauten Neu-Calcata vom Geld, das sie am Schwarzmarkt mit den illegalen Funden verdienten." Den heutigen Raubgräbern rate sie, vor dem Verkauf der Artefakte wenigstens ein Foto zu machen. In Calcata hat man schließlich Erfahrung mit dem plötzlichen Verschwinden wertvoller Kulturgüter.