Reliquienverehrung in Italien Die Wunder von Calcata

Wehrhaft, aber einsam: Das alte Calcata liegt auf einem Felsen. Künstler haben wieder Leben in das verlassene Dorf gebracht.

(Foto: imago stock&people)

Ein Dorf nördlich von Rom rühmte sich jahrhundertelang, im Besitz einer besonderen Reliquie zu sein. Dann verschwand sie, die "heilige Vorhaut Christi". Die Umstände sind bislang unklar. Heute versuchen Künstler und Aussteiger, in dem Ort über die Runden zu kommen - und rätseln über die Vergangenheit.

Von Helmut Luther

Alessandro Falconi versprach, seine Gäste mit dem Auto abzuholen. Am vereinbarten Treffpunkt in Orte erscheint der Zimmervermieter mit einer Stunde Verspätung. Dafür wird die anschließende Fahrt in das 30 Kilometer entfernte Calcata ziemlich spannend. Die Straßen des tuskischen Hügellandes sind schmal und kurvenreich. Falconis Wagen, ein sonnengebleichter Fiat Panda, würde in Deutschland bei jedem TÜV-Test scheitern. Die Beifahrertür lässt sich nur von innen öffnen. Aus den verstaubten Autositzen quillt der Schaumstoff, den Motor zündet Falconi, indem er ein paar Kabel unter dem Lenkrad zusammenschließt. Dann muss der 50-Jährige mit dem rötlichen Dreitagebart kurz anhalten, um mit fünf Euro nachzutanken. Falconi scheint knapp bei Kasse zu sein, aber er verbiegt sich nicht für Touristen. In Calcata, wo die meisten Bewohner einem künstlerischen Beruf nachgehen, ist das auch in Ordnung so.

Schon von Weitem erblickt man das wehrhafte Dorf auf der Spitze eines Tufffelsens, in den die einstigen Bewohner, die Falisker, ihre Gräber geschlagen haben. Der Ort auf dem Felsen ist ein Bollwerk aus aneinandergereihten Gebäuden mit dicken Steinmauern und schmalen Fenstern, direkt am Abgrund errichtet. Wenn die Sonne hinter den grünen Hügeln des Trejatales versinkt, leuchtet das Häusergebirge goldfarben auf. Wildtauben landen auf dem Schloss über dem Gassengewirr und verkriechen sich gurrend in finsteren Mauerritzen.

In der Dorfkirche von Calcata, Santissimo Nome di Gesù, Heiligster Name Jesu, wurde die Reliquie bis 1983 aufbewahrt.

(Foto: imago stock&people)

Heute ist Calcata ein zweigeteilter Ort. Die ursprünglichen Bewohner mussten ihre Häuser aufgrund eines Gesetzes aus den Dreißigerjahren verlassen - wegen Erosionsgefahr. Sie erbauten nach dem Krieg eine neue Stadt, Calcata Nuova, wenig entfernt im flachen Gelände. Das spektakuläre Nest auf dem Tufffelsen verödete - bis Künstler, Aussteiger und Esoteriker den Ort entdeckten, der damals noch bekannt war als Aufbewahrungsstätte einer besonderen Reliquie: der "heiligen Vorhaut Christi".

"Ich kann mich erinnern, wie die Reliquie in einer Prozession durch das Dorf getragen wurde", sagt Marijke van der Maden. Die Holländerin, die in ihrem Laden selbstgefertigte Krippenfiguren verkauft, schwärmt von der "Energie" Calcatas. Seit Ende der Siebzigerjahre lebt sie in dem 50 Kilometer nördlich von Rom gelegenen Ort. Damals wurde die Reliquie noch in der Dorfkirche aufbewahrt und jährlich am 1. Januar durch die Straßen des Bergdorfs getragen. Seit 30 Jahren allerdings gilt das Sanctum Praeputium als verschollen. Und nicht nur im Dorf ranken sich Gerüchte darum, wer die Schuld dafür trägt - und wo die Reliquie verblieben sein könnte.

Auch die Tür zum Tabernakel wurde gestohlen. Waren hier einfache Diebe am Werk?

Über die Umstände dieses Verschwindens erzählt man im Ort einander widersprechende Geschichten. Da ist etwa Don Enrico. Der schwergewichtige Pfarrer klettert schnaufend die Stufen zum Kirchenportal empor, in der einen Hand ein Gebetsbuch, in der anderen rasselt ein Schlüsselbund. Seit vier Jahren betreut Don Enrico die Dorfkirche Allerheiligster Name Jesu, in der die Reliquie bis zu ihrem mysteriösem Verschwinden 1983 aufgewahrt wurde. Die deutsche Debatte um die Beschneidung habe nun auch Italien erreicht, sagt der Geistliche mit einem schiefen Lächeln. "Kürzlich meinte hier eine jüdische Journalistin, die von hässlichen Untertönen begleitete Diskussion mache deutlich, wie unerwünscht Anhänger ihres Glaubens inzwischen in Europa seien." Dabei wäre das Gedenken an den jüdischen Ritus der Beschneidung fest in der katholischen Tradition verankert.