29. November 2012, 15:36 Reliquienverehrung in Italien Die Wunder von Calcata

Ein Dorf nördlich von Rom rühmte sich jahrhundertelang, im Besitz einer besonderen Reliquie zu sein. Dann verschwand sie, die "heilige Vorhaut Christi". Die Umstände sind bislang unklar. Heute versuchen Künstler und Aussteiger, in dem Ort über die Runden zu kommen - und rätseln über die Vergangenheit.

Von Helmut Luther

Alessandro Falconi versprach, seine Gäste mit dem Auto abzuholen. Am vereinbarten Treffpunkt in Orte erscheint der Zimmervermieter mit einer Stunde Verspätung. Dafür wird die anschließende Fahrt in das 30 Kilometer entfernte Calcata ziemlich spannend. Die Straßen des tuskischen Hügellandes sind schmal und kurvenreich. Falconis Wagen, ein sonnengebleichter Fiat Panda, würde in Deutschland bei jedem TÜV-Test scheitern. Die Beifahrertür lässt sich nur von innen öffnen. Aus den verstaubten Autositzen quillt der Schaumstoff, den Motor zündet Falconi, indem er ein paar Kabel unter dem Lenkrad zusammenschließt. Dann muss der 50-Jährige mit dem rötlichen Dreitagebart kurz anhalten, um mit fünf Euro nachzutanken. Falconi scheint knapp bei Kasse zu sein, aber er verbiegt sich nicht für Touristen. In Calcata, wo die meisten Bewohner einem künstlerischen Beruf nachgehen, ist das auch in Ordnung so.

Schon von Weitem erblickt man das wehrhafte Dorf auf der Spitze eines Tufffelsens, in den die einstigen Bewohner, die Falisker, ihre Gräber geschlagen haben. Der Ort auf dem Felsen ist ein Bollwerk aus aneinandergereihten Gebäuden mit dicken Steinmauern und schmalen Fenstern, direkt am Abgrund errichtet. Wenn die Sonne hinter den grünen Hügeln des Trejatales versinkt, leuchtet das Häusergebirge goldfarben auf. Wildtauben landen auf dem Schloss über dem Gassengewirr und verkriechen sich gurrend in finsteren Mauerritzen.

In der Dorfkirche von Calcata, Santissimo Nome di Gesù, Heiligster Name Jesu, wurde die Reliquie bis 1983 aufbewahrt.

(Foto: imago stock&people)

Heute ist Calcata ein zweigeteilter Ort. Die ursprünglichen Bewohner mussten ihre Häuser aufgrund eines Gesetzes aus den Dreißigerjahren verlassen - wegen Erosionsgefahr. Sie erbauten nach dem Krieg eine neue Stadt, Calcata Nuova, wenig entfernt im flachen Gelände. Das spektakuläre Nest auf dem Tufffelsen verödete - bis Künstler, Aussteiger und Esoteriker den Ort entdeckten, der damals noch bekannt war als Aufbewahrungsstätte einer besonderen Reliquie: der "heiligen Vorhaut Christi".

"Ich kann mich erinnern, wie die Reliquie in einer Prozession durch das Dorf getragen wurde", sagt Marijke van der Maden. Die Holländerin, die in ihrem Laden selbstgefertigte Krippenfiguren verkauft, schwärmt von der "Energie" Calcatas. Seit Ende der Siebzigerjahre lebt sie in dem 50 Kilometer nördlich von Rom gelegenen Ort. Damals wurde die Reliquie noch in der Dorfkirche aufbewahrt und jährlich am 1. Januar durch die Straßen des Bergdorfs getragen. Seit 30 Jahren allerdings gilt das Sanctum Praeputium als verschollen. Und nicht nur im Dorf ranken sich Gerüchte darum, wer die Schuld dafür trägt - und wo die Reliquie verblieben sein könnte.

Auch die Tür zum Tabernakel wurde gestohlen. Waren hier einfache Diebe am Werk?

Über die Umstände dieses Verschwindens erzählt man im Ort einander widersprechende Geschichten. Da ist etwa Don Enrico. Der schwergewichtige Pfarrer klettert schnaufend die Stufen zum Kirchenportal empor, in der einen Hand ein Gebetsbuch, in der anderen rasselt ein Schlüsselbund. Seit vier Jahren betreut Don Enrico die Dorfkirche Allerheiligster Name Jesu, in der die Reliquie bis zu ihrem mysteriösem Verschwinden 1983 aufgewahrt wurde. Die deutsche Debatte um die Beschneidung habe nun auch Italien erreicht, sagt der Geistliche mit einem schiefen Lächeln. "Kürzlich meinte hier eine jüdische Journalistin, die von hässlichen Untertönen begleitete Diskussion mache deutlich, wie unerwünscht Anhänger ihres Glaubens inzwischen in Europa seien." Dabei wäre das Gedenken an den jüdischen Ritus der Beschneidung fest in der katholischen Tradition verankert.

"Sehen Sie, hier ist das ganze Heilsgeschehen dargestellt", sagt Don Enrico, während er mit zurückgelegtem Kopf auf die Stuckreliefs über dem Altarraum weist: Eine Szene schildert die Beschneidung des acht Tage alten Jesus; seine jüdischen Eltern brachten ihn natürlich in den Tempel zur Brit Mila. Seit dem frühen Mittelalter, erzählt der Geistliche, feiere die Kirche das Fest der Beschneidung am 1. Januar. Dann verdüstert sich seine Miene und er wendet sich dem leeren Tabernakel zu. "Sie raubten sogar dessen mit Edelsteinen verzierte Tür." Wie sein Vorgänger, Don Dario, macht der jetzige Ortspfarrer gemeine Habgier für den Verlust des Sanctum Praeputium verantwortlich.

Doch viele glauben nicht an diese Geschichte. "Die meisten hier verdächtigen den Vatikan", sagt etwa Giancarlo Croce. Der Mann mit Designerbrille hat sein Atelier in einer ehemaligen Schmiede hinter der Dorfkirche. Dort malt Giancarlo Croce bunte Mandalas, ritzt in Marmorplatten filigrane Reliefansichten Calcatas - und verkauft Postkarten mit dem Bild des Sanctum Praeputium. Er restaurierte die Reliquie im Jahr 1982 und habe sie damals fotografiert, erzählt Croce. "Ich war einer der Letzten, die sie zu Gesicht bekamen. Wenig später, am Tag vor der Prozession, behauptete der Pfarrer plötzlich, die Reliquie sei entwendet worden." Aber es sei doch auffällig, sagt Croce, dass in dieser Sache nie Anzeige erstattet wurde. Die Kirche selbst, so glaubt Croce, habe die Reliquie aus dem Verkehr gezogen - weil ihr die Verehrung peinlich geworden war. "Die Kirche mit ihrer Fixierung auf das Sexuelle: eine Vorhaut anbeten! Im ausgehenden 20. Jahrhundert empfand man langsam die Lächerlichkeit eines solchen Kultes", glaubt Giancarlo Croce, der früher überzeugter Kommunist war und sich heute als Pazifist bezeichnet. Künstler ist Croce, doch von seiner Kunst kann er nicht gut leben. "Es ergeht mir schlimmer als Van Gogh, seit Jahren konnte ich kein einziges Werk mehr verkaufen", erzählt er. Was auch daran liegen mag, dass Calcata nur an Wochenenden von Touristen besucht wird. Mit dem Verschwinden der Reliquie verblasste auch Calcatas Ruhm - und damit seine Bedeutung als Pilgerstätte.

Verbindung zum Jenseits

Legenden berichten, dass das Sanctum Praeputium nach der Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen im Jahr 1527 nach Calcata gelangte. Auf der zentralen Piazza steht die Kirche vom Allerheiligsten Namen Jesu. In einem Schrein über dem Hauptaltar wurde die Reliquie ausgestellt, als Ziel von Pilgerscharen. 1584 bekamen Wallfahrer, die hier das Sanctum Praeputium verehrten, von Papst Sixtus V. einen Ablass gewährt.

Im Mittelalter stellten körperliche Überreste von Heiligen und Dinge, die von diesen berührt und so mit ihrer Kraft aufgeladen waren, eine Verbindung zum Jenseits dar. Um Reliquien führte man Kriege. Fromme Menschen wurden zu Dieben, nur um in den Besitz eines dieser wundertätigen Gegenstände zu gelangen. Besaß man eine Reliquie, stand einem der Himmel offen. Überreste des Heilands wurden besonders verehrt: seine Haare, Windeln, die Milchzähne, Zehen- oder Fingernägel. Am kostbarsten jedoch war, was es nur einmal geben konnte: die "heilige Vorhaut Christi". Und doch konkurrierten in der Vergangenheit gleich mehrere Orte um die Ehre, in ihrem Besitz zu sein: in Frankreich die Abtei Charroux bei Poitiers, in Deutschland Kloster Andechs. Bis zum reformatorischen Bildersturm wurde eine Vorhaut-Reliquie in der Frauenkirche von Antwerpen verehrt. Heinrich V. von England soll seiner Frau Katharina von Valois das Sanctum Praeputium geschenkt haben, damit es eine gute Entbindung bewirke.

Ganzjährig leben heute in Calcata nur etwa 60 meist ältere Menschen. An einem gewöhnlichen Werktag ist hier kein einziges Lokal geöffnet. Man muss ein Stück der Straße entlang in Richtung Calcata Nuova wandern, um mittags satt zu werden. Im Ristorante I Tre Monti gibt es Strozzapreti, "Priesterwürger". Die kurzen geschwungenen Nudeln werden mit Pfeffer und Ziegenkäse vermengt, als Hauptgang schlägt der Wirt Wildschweinkotelett vor. Am Nebentisch sitzen zwei Carabinieri, ihre dunkelblauen Mützen sowie die Schnellfeuerpistolen ruhen in Griffweite auf einem freien Stuhl. Beim Espresso gesellt sich der Chef zu den Staatsdienern und berichtet von seiner Militärzeit in Udine. In der amerikanischen Bar des Nato-Stützpunktes hätten sich damals oft schöne Mädchen in sehr kurzen Röcken aufgehalten. "Aber ich war nur ein Mal dort - bei einem Gehalt von 170 Lire pro Tag sind 5000 Lire für ein Bier etwas viel", erzählt der Restaurantbesitzer lachend, dabei wackelt sein Kugelbauch. Nachdem sich die Carabinieri verabschiedet haben, schaltet sich auch Teresa Di Cosimo in das Gespräch ein. "Hier schlummern noch viele archäologische Schätze unter der Erde", erzählt die dunkelhaarige Frau, die Führungen zu den nahen, öffentlich zugänglichen Faliskergräbern anbietet. "Die Männer im Alter meines Vaters erbauten Neu-Calcata vom Geld, das sie am Schwarzmarkt mit den illegalen Funden verdienten." Den heutigen Raubgräbern rate sie, vor dem Verkauf der Artefakte wenigstens ein Foto zu machen. In Calcata hat man schließlich Erfahrung mit dem plötzlichen Verschwinden wertvoller Kulturgüter.