Zweiter Jahrestag der ägyptischen Revolution Vier Tote bei Protesten in Suez - mehr als 250 Verletzte im ganzen Land

Gewalt am Jahrestag der Revolution: In mehreren ägyptischen Städten kommt es zu massiven Zusammenstößen zwischen Oppositionellen und Polizei. In Ismailia im Nordosten des Landes wird die Parteizentrale der Muslimbrüder angezündet. In Kairo versuchen die Demonstanten, Blockaden vor Regierungsgebäuden zu durchbrechen. In Suez werden vier Menschen tödlich von Kugeln getroffen.

Die Ereignisse des Tages zum Nachlesen
  • Für diesen Freitag haben Oppositionsgruppen in ganz Ägypten zu Kundgebungen gegen den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi aufgerufen. Anlass: Vor genau zwei Jahren begann die Revolution gegen den damaligen Machthaber Hosni Mubarak.
  • Bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten sind in Suez fünf Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 250 Menschen wurden bei Protestaktionen in mehreren Provinzen verletzt, wie Krankenhausärzte und Sanitäter berichteten.
  • Tausende Menschen strömten auf den Tahrir-Platz. Dort und in den Städten Alexandria, Suez und Ismailia kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

21:21 Uhr Tote bei Protesten in Suez

Nach Angaben von Rettungskräften sind in der Stadt Suez östlich von Kairo bei den Protesten mehrere Demonstranten getötet worden. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von vier Toten, eine weitere Person befinde sich in kritischem Zustand. Auf Ahram-Online ist von fünf Toten die Rede. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen handelt es sich um junge Männer, die vor dem Gouverneursgebäude in Suez von Schüssen getroffen wurden.

21:03 Uhr Mehr als 250 Verletzte

Bei den gewaltsamen Ausschreitungen sind im Laufe des Tages nach offiziellen Angaben landesweit mehr als 250 Menschen verletzt worden. Die Zahl teilte das Gesundheitsministerium in Kairo mit, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet.

20:03 Uhr Regierungsgebäude in Brand gesetzt

Auch in anderen Städten des Landes gibt es am Abend Proteste: In Suez ist offenbar ein Regierungsgebäude in Brand gesetzt worden, wie der private TV-Sender OnTV berichtet. Auch in der Stadt Mahalla im Nildelta haben Demonstranten Molotow-Cocktails auf das Hauptquartier des örtlichen Gouverneuers geworfen, wie es auf der Online-Seite von al-Ahram heißt.  

18:58 Uhr Schwarzer Block in Kairo

(Foto: AFP)

Sie sind das neue Gesicht des Protestes in Kairo, gegründet als Antwort auf vermeintlich militante Gruppen der Muslimbrüder: Junge Männer in Schwarz mit Kapuzen und Tüchern vor dem Gesicht. Wie die Zeitung Egypt Independent auf ihrer Online-Seite berichtet, liefern sich Mitglieder des sogenannten Schwarzen Blocks vor dem Präsidentenpalast Straßenschlachten mit der Polizei. Am Nachmittag gelang es einigen von ihnen, eine ganze Betonmauer niederzureißen.

18:18 Uhr Metrostationen in Kairo blockiert

Demonstranten haben in der Kairoer Innenstadt offenbar auch zwei Metrostationen blockiert. Wie die staatliche ägyptische Zeitung Al-Ahram auf ihrer Website berichtet, haben sich Hunderte Menschen auf den Gleisen versammelt.  Die Menge skandiert: "Das Volk verlangt den Sturz des Regimes".

17:45 Uhr Demonstraten versuchen Barrikaden am Präsidentenpalast zu überrennen

Die Ausschreitungen haben offenbar auch den Präsidentenpalast in Kairo erreicht. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf das Staatsfernsehen berichtet, haben mehrere Demonstranten versucht, die Stacheldraht-Barrieren vor dem Gebäude zu überrennen. Die Polizisten setzte Tränengas ein.

17:20 Uhr Lage kann jederzeit eskalieren

"Wenn die Sicherheitskräfte Tränengas in die Menge feuern, bricht jedes Mal Panik aus und die Menschen rennen davon", sagt SZ-Korrespondentin Zekri. "Im Moment ist die Lage angespannt, aber allzu viele verletzte hat es wohl bisher nicht gegeben. Allerdings kann die Situation jederzeit eskalieren. Das wird eine lange Nacht"  

17:11 Uhr SZ-Korrespondentin berichtet live aus Kairo

Unsere Korrespondentin Sonja Zekri meldet sich telefonisch aus Kairo: "In den Seitenstraßen des Tahrir liegt überall der Dunst von Tränengas in der Luft. Auf dem Platz ist es voll, aber noch nicht so überfüllt wie bei früheren Protestkundgebungen. Demonstranten haben zwischen Palmen große Banner gespannt, darauf die Losungen der Revolution - 'Brot, Freiheit, menschliche Würde'. Auf anderen Transparenten steht 'Das Volk will den Sturz des Regimes'. 

16:47 Uhr Mit Steinen gegen Verwaltungsgebäude in Malhalla

Auch in der nördlichen Stadt Malhalla soll es Unruhen geben. Wie Al-Ahram Online unter Berufung auf seine arabische Website meldet, bewerfen Demonstranten dort das Ratsgebäude der Stadt mit Steinen und fordern den "Sturz des Regimes." Zuvor soll eine Gruppe aus verschiedenen revolutionären Gruppierungen und extremen Fußballfans, den sogenannten Ultras, zu dem Gebäude gezogen sein, wo sie gegen die Muslimbruderschaft gerichtete Slogans skandierten. 

Der Unmut der Ultras könnte die Proteste zum zweiten Jahrestag der Revolution zusätzlich anheizen: Am Samstag wird das Urteil in einem Prozess wegen des Todes von 74 Fußballfans im Februar 2012 erwartet. Bei einem Spiel in Port Said hatte es damals blutige Ausschreitungen gegeben - die Sicherheitskräfte sahen weitgehend tatenlos zu. Ihnen wurde vorgeworfen, die Unruhen angezettelt zu haben, um die Ultras für ihre führende Rolle bei den Protesten 2011 zu bestrafen.

16:02 Uhr Angriffe auf den Verwaltungssitz in Suez

In der Hafenstadt Suez kämpfen Demonstranten und Sicherheitskräfte offenbar um das Gouvernement-Gebäude. Al-Ahram Online schreibt, dass es hier zum Zusammenstoß zwischen Hunderten Protestierenden und den Sicherheitskräften kommt. Mehrere Twitterer unter #suez berichten, die Demonstranten hätten das Gebäude sogar in ihre Gewalt gebracht. Später heißt es, das Haus stehe in Brand.

15:44 Uhr Feuer in Muslimbrüderzentrale in Ismailia

In der nordöstlichen Stadt Ismailia richtet sich die Wut der Demonstranten unmittelbar auf die Präsident Mursi nahestehende Muslimbruderschaft: Die Protestierenden stecken die örtliche Zentrale der islamistischen Partei in Brand, berichten die britische BBC und die Nachrichtenagentur AFP. Schwarzer Rauch soll aus dem Gebäude aufsteigen. Twitterer berichten auch aus anderen Orten von Angriffen auf die Muslimbrüderzentralen.

15:01 Uhr Kampf um den Schutzwall in Kairo

Demonstranten versuchen, die provisorische Mauer vor dem Innenministerium in Kairo zu zerstören.

Demonstranten versuchen, die provisorische Mauer vor dem Innenministerium in Kairo zu zerstören.

(Foto: dpa)

Auch in Kairo geht es nun härter zur Sache. Patrick Kingsley, Reporter des britischen Guardian berichtet von Ärger am südlichen Ende des Tahrir-Platzes: Dort wurde zum Schutz des Innenministeriums eine provisorische Mauer aus riesigen Betonklötzen errichtet, um die nun hart gekämpft wird. Offenbar schmeißen nicht nur die Demonstranten, sondern auch die Polizisten mit Steinen.

Sie gehen zudem mit Tränengas gegen die Protestierenden vor. "Junge Mädchen laufen durch die Menge und bieten denjenigen Taschentücher an, an deren Gesichtern Tränen herunterlaufen", schreibt der Guardian-Journalist.

14:15 Uhr Warnschüsse in Alexandria

In der nördlichen Hafenstadt Alexandria scheint sich die Situation zuzuspitzen. Die staatliche ägyptische Zeitung Al-Ahram berichtet auf ihrer Website, Hunderte Demonstranten sammelten sich bei der Polizeistation und skandierten Parolen gegen den Innenminister. Die Polizei habe die die Türen der Station verriegelt. Außerdem soll sie zur Abschreckung Schüsse in die Luft gefeuert haben. Sicherheitskräfte und Demonstranten werfen mit Steinen aufeinander.Etwa 4000 Menschen bewegen sich demnach auf den Gerichtskomplex zu.

Zahlreiche Tweets unter #alexandria stützen den Bericht von Al-Ahram. Von gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demontranten und Polizei vor dem Gerichtskomplex und dem Rathaus ist die Rede, von fliegenden Steinen, dem Einsatz von Tränengas und dem Geräusch von Schüssen.

13:45 Uhr Tausende strömen auf den Tahrir-Platz

Der für die Revolution so bedeutsame Tahrir-Platz in Kairo füllt sich mehr und mehr. Al Arabiya berichtet, die Menschen strömten in großen Mengen auf den Platz. Sie folgen den Aufrufen der Opposition. Auch Mohammed el Baradei, früherer Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und einer der bekanntesten Köpfe der ägyptischen Opposition, forderte per Twitter zum Protest auf: "Geht nach draußen auf die Plätze, um endlich die Ziele der Revolution zu erreichen", schrieb er, wie Al Arabiya meldet.

13:10 Uhr "Obama you jerk"

Betsy Hiel, Korrespondentin der Pittburgh Tribune-Review twittert ein Foto aus Kairo: Ein Mann auf dem Tahrir-Platz fordert auf einem Plakat, dass die USA ihre Unterstützung für die Mursi-Regierung aufgeben sollen. Vom US-Präsidenten hält er der Demonstrant offenbar nicht viel, wie seine Anrede "Obama, Du Dummkopf" zeigt.

12:46 Uhr Wird es zu Massenprotesten kommen?

Noch ist nicht abzusehen, welches Ausmaß die Proteste tatsächlich annehmen werden. Auf dem Tahrir-Platz fanden sich bereits am Vormittag Hunderte, vor allem junge Demonstranten ein, meldete Al-Dschasira. In der Hafenstadt Alexandria sollen politische Aktivisten sich dem arabischen Nachrichtensender zufolge zu Menschenketten zusammengeschlossen haben. Al-Arabiya meldet als "Breaking News", dass Demonstranten in Suez den Sturz der Mursi-Regierung fordern.

11:50 Uhr Morgendliche Unruhen auf dem Tahrir-Platz

Die eigentlichen Großkundgebungen haben noch nicht begonnen. Doch auf dem Tahrir-Platz in Ägyptens Hauptstadt Kairo kommt es am Morgen zu ersten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Protestierende Ägypter schleudern Brandsätze auf die Einsatzkräfte und versuchen, eine Absperrung zu durchbrechen, die zum Schutz von Regierungsgebäuden errichtetet wurde. Die Sicherheitskräfte reagieren mit dem Einsatz von Tränengas. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums werden bei den Unruhen am Morgen 16 Menschen verletzt.

11:47 Uhr Mursi appelliert ans Volk

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi rief im Vorfeld dazu auf, den zweiten Jahrestag des Aufstands gegen den früheren Machthaber Hosni Mubarak friedlich zu begehen. Er setze auf "friedliche und zivilisierte" Kundgebungen sagte Mursi bereits am Donnerstagabend.