Zum Tod von Horst-Eberhard Richter Richter und die Rolle des Bösen

In seinem kulturpsychologisch-psychoanalytischen Hauptwerk Der Gotteskomplex stellte Richter 1979 die Hypothese auf, dass der Mensch in der westlichen Kultur als Ersatz für die entschwindende Glaubenssicherheit den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt zu einer Heilsidee erhoben habe, in der religiöse Sehnsucht und eigene Allmachtshoffnungen verschmelzen. In der psychoanalytischen Aufdeckung lebenslang einwirkender und unbewusst verinnerlichter Rollenzwänge sah Richter zugleich eine Chance, soziale und politische Widerstandskräfte zu stärken.

Pionier mit Passion: Horst-Eberhard Richter war Deutschlands einflussreichster Psychoanalytiker der vergangenen Jahrzehnte.

(Foto: Oliver Das Gupta)

1981 wurde er mit "Alle redeten vom Frieden" zu einer intellektuellen Leitfigur der sich gerade entwickelnden bundesrepublikanischen Friedensbewegung. Auch in der Ökologie-Bewegung trat er hervor. 1982 gehörte er zu den Gründern der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Die deutsche IPPNW-Sektion hielt Kongresse in Nürnberg und Erlangen über "Medizin und Gewissen" ab, auf denen die Rolle der Medizin in der NS-Diktatur und die moralischen Probleme der modernen Biogenetik behandelt wurden.

"Aufstehen für die Menschlichkeit"

Zu den beiden von Richter mitgeplanten IPPNW-Kongressen "Kultur des Friedens" in Berlin trug er zwei Grundsatzreden über "Heilung einer Krankheit" und "Aufstehen für die Menschlichkeit" bei. Dabei untersuchte er aus psychoanalytischer Perspektive auch die psychopathologischen Hintergründe der aktuellen Kriegspolitik der USA. Er gehörte zu den wortmächtigsten Kritikern des seit den terroristischen Anschlägen radikaler Islamisten auf New York und Washington am 11. Sept. 2001 entfesselten "Kampfes gegen den Terror" der USA, in dem er nicht nur eine Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn, sondern auch einen wahnhaften Vernichtungsfeldzug gegen die nach außen projizierte eigene Destruktivität sah.

Aus der Mitarbeit in der "International Foundation for the Survival and Development of Humanity", die unter der Schirmherrschaft und Betreuung Michail Gorbatschows stand, ging seine Studie "Russen und Deutsche. Alte Feindbilder weichen neuen Hoffnungen" (1990) hervor. Die von Gorbatschow übernommene Idee, dass über Grundfragen der Politik ein intensiverer geistiger Austausch zwischen Politikern verschiedener Richtungen und kritischen Repräsentanten anderer Berufsgruppen gepflegt werden sollte, galt als Leitstern ihrer Treffen.

Gastprofessor für Peter Ustinov

Seit 2001 hat Richter sich auch für die globalisierungskritische Bewegung Attac engagiert, etwa mit seiner Eröffnungsrede auf dem Gründungskongress der deutschen Organisation 2001 in Berlin, auf dem er nachdrücklich für die von Attac angestrebte engere Verbindung von sozialen, ökonomischen und ökologischen Reforminitiativen mit der Friedensbewegung plädierte.

2003 übernahm Richter auf Wunsch von Peter Ustinov eine von diesem gestiftete Gastprofessur an der Universität Wien und machte dort "die Rolle des Bösen" in der abendländischen Geistesgeschichte zum Thema. Im gleichen Jahr organisierte er mit den Friedensärzten der IPPNW einen Protestmarsch mehrerer tausend Teilnehmer zum US-Atomwaffenstützpunkt Ramstein. Auf der von ihm 2004 organisierten IPPNW-Tagung in Berlin über "Folter und Humanität" verfolgte er die Folter von der Inquisition, den Hexenprozessen bis zu den Misshandlungen im amerikanischen Gefangenencamp in Guantanamo und im Irak, wobei er letztere als Wiederkehr archaischer historischer Reaktionsmuster analysierte und anprangerte.

Der Psychoanalytiker, Friedensaktivist und 
Autor Horst-Eberhard Richter starb nach kurzer, schwerer Krankheit.