Zeuge im NSU-Prozess "Böhnhardt war wie eine Bombe"

Gemeinsam knackten sie als Jugendliche Autos und fuhren Rennen: Thomas B. hing mit dem spätere NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt herum. Im NSU-Prozess wirkt der Zeuge ziemlich eingeschüchtert und konfus.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Beim zweiten Versuch klappt es. Als der Zeuge Thomas B. vor einigen Wochen im NSU-Prozess geladen war, kam er nicht. Er teilte dem Gericht mit, er sei schon auf dem Weg gewesen, habe dann aber Durst gehabt und sei irgendwo eingekehrt. Nun, am 141. Verhandlungstag, hat es Thomas B. aber geschafft zu kommen. Der 37-Jährige gehörte Anfang der Neunzigerjahre zu einer Jugendclique in Jena, in der auch der spätere NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt herumhing. Gemeinsam knackten sie Autos und fuhren Rennen. Sie waren gerade mal 15, 16 Jahre alt.

Über Böhnhardt sagt der Zeuge, er sei ein "ziemlich lustiger Typ" gewesen, der genau gewusst habe, was er wollte und wie er es bekam. Er sei "clever" gewesen und habe nichts gemacht, ohne es vorher vernünftig geplant zu haben. "Er war aber auch ganz schnell aggressiv, es hat schnell umgewechselt." Vor dem schnell aufbrausenden Böhnhardt habe er Angst gehabt, sagt Thomas B.: "Böhnhardt war wie eine Bombe."

In der Clique seien nicht alle politisch rechts gewesen. Böhnhardt hingegen habe eine Bomberjacke und Springerstiegel getragen. Er selbst sei weder rechts noch links, sagt der Zeuge. "Ich stand zwischen den Stühlen, da hab' ich öfter Prügel bezogen."

Zeuge wirkt eingeschüchtert

Zu der Jugendclique gehörte auch Enrico T., den die Ermittler im Verdacht haben, er könnte zeitweise die Ceska-Pistole besessen und weitergeleitet haben. Mit der Waffe ermordeten die NSU-Terroristen neun Menschen. Bei Enrico T. habe er mal Waffen gesehen, sagt Thomas B., er könne dazu aber keine näheren Angaben machen.

Der Zeuge kann sich angeblich nicht mehr an eine Aussage erinnern, die er 1993 bei der Polizei machte. Damals nannte er außer Enrico T. noch andere, die Zugang zu Waffen haben würden, unter anderem Jürgen L., ein Kumpel von Enrico T., der wie dieser ins Visier der NSU-Ermittlungen geraten ist. Der Zeuge wirkt eingeschüchtert, möglicherweise scheut er davor zurück, Jürgen L. zu beschuldigen. Und konfus.

Thomas B. macht einen zerrütteten Eindruck, es fällt ihm schwer, die zeitlichen Abläufe zu rekonstruieren. Der gelernte Maler ist offensichtlich gesundheitlich angeschlagen; er wirkt deutlich älter als er ist. In den Neunzigerjahren hatte Thomas B. einen schweren Unfall. Offenbar passierte es in der Clique, bei einem der illegalen Autorennen. Angeblich sollen die Kumpel Thomas B. erst mal liegen gelassen haben, einer habe später anonym einen Notarzt angerufen.

Thomas B. lag im Koma, als er wieder genesen war, verließ er Jena. Seine Eltern sollen in Jena die Nachricht verbreitet haben, der Sohn sei gestorben - offenbar hatte man Angst vor Racheaktionen der kriminellen Freunde. Sie sollen Thomas B. vorgeworfen haben, der Polizei zu viel verraten zu haben.