Wirtschaft IG Metall will Recht auf 28-Stunden-Woche

Jeder, der möchte, soll seine Arbeitszeit für maximal zwei Jahre reduzieren können - zum Teil sogar mit Lohnausgleich. Mit dieser Forderung eröffnet die Gewerkschaft die Tarifrunde.

Von Detlef Esslinger, Frankfurt

In der Metall- und Elektroindustrie steht eine besonders konfliktreiche Tarifrunde bevor. Die IG Metall kündigte am Dienstag in Frankfurt am Main an, für die 3,9 Millionen Beschäftigten sechs Prozent mehr Geld zu fordern. Der Streit darüber dürfte aber nur der kleinere Teil des Ringens werden. Denn die Gewerkschaft stellt noch eine weitere Forderung, und die wird von den Arbeitgebern rigoros abgelehnt: die Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden zu verkürzen. Die Friedenspflicht endet zum Jahreswechsel.

Mit der Formulierung "auf bis zu" deutet die Gewerkschaft schon an, dass nicht sämtliche Arbeitnehmer künftig weniger arbeiten sollen - sondern nur diejenigen, die dies wollen. Für maximal zwei Jahre sollen sie ihre Arbeitszeit reduzieren und danach wieder so lange wie zuvor arbeiten dürfen. Bereits dies wollen die Arbeitgeber nicht mitmachen. "Das würde den Fachkräftemangel weiter verschärfen", sagte der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Rainer Dulger. "Weil qualifiziertes Personal fehlt, bleiben schon jetzt oft Aufträge liegen."

Doch die Forderung der IG Metall geht noch weiter. Schichtarbeitern sowie Arbeitnehmern, die die neue Freizeit zur Betreuung von Kindern oder für die Pflege von Angehörigen nutzen wollen, sollen die Arbeitgeber zumindest zum Teil den entfallenden Lohn erstatten. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann nennt dies eine "moderne tarifliche Sozialleistung". Die Arbeitgeber hingegen sehen nicht ein, warum sie für etwas bezahlen sollen, das ihnen nichts bringt.

Nach Berechnungen der baden-württembergischen Metall-Arbeitgeber summieren sich die Forderungen zu Lohn und Arbeitszeit kostenmäßig zu einem Plus von zwölf Prozent. "Das ist aus einer anderen Galaxis", sagte ihr Vorsitzender Stefan Wolf. Hinzu kommt, dass die IG Metall noch einen "Personalausgleich" anstrebt - damit all die Kollegen, die ihre Arbeitszeit unverändert lassen, künftig keinem zusätzlichen Leistungsdruck ausgesetzt sind.

Formal handelt es sich bei dem Beschluss des Vorstands nur um eine "Forderungsempfehlung". Sie soll nun an der Basis diskutiert werden, bevor der Vorstand am 26. Oktober die endgültige Forderung verabschiedet. Dieser Termin hat jedoch erfahrungsgemäß nur noch zeremoniellen Charakter.

Warnstreiks werden von der IG Metall bereits vorbereitet. Ihr Vorsitzender Hofmann setzt jedoch darauf, dass sich die Arbeitgeber angesichts voller Auftragsbücher "keine längere Auseinandersetzung leisten können". Aber auch die Gewerkschaft steht unter Termindruck. Ende März sind bundesweit Betriebsratswahlen, und intern wird befürchtet, dass Streiks zu dieser Zeit die Wahlchancen von IG-Metall-Kandidaten schmälern könnten; zumindest bei Arbeitnehmern, die der Gewerkschaft nicht angehören.