Vordenker der deutschen Friedensbewegung Horst-Eberhard Richter ist tot

Der große alte Mann ist tot: Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter wurde als Pionier der Familienforschung berühmt, bevor er in den 1980er Jahren zur intellektuellen Leitfigur der deutschen Friedensbewegung avancierte. Jetzt ist Richter im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben.

Er galt als "großer alter Mann" der deutschen Friedensbewegung: Der international geachtete Psychoanalytiker und Vordenker Horst-Eberhard Richter ist tot. Er starb am Montag nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren in Gießen, wie die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges in Berlin unter Berufung auf Richters Familie mitteilte.

Richter wurde am 28. April 1923 in Berlin als einziges Kind eines Ingenieurs geboren. 1943 begann er in Berlin ein Studium der Medizin, Philosophie und Psychologie, das er wegen Kriegseinsätzen an der Ostfront und in Italien unterbrechen musste. Vor Kriegsende desertierte er in Italien und wurde nach seiner Entdeckung durch französische Soldaten mehrere Monate in Innsbruck interniert. Nach seiner Freilassung Anfang 1946 setzte er in Berlin sein Studium fort. 1949 promovierte er zum Dr. phil., 1957 zum Dr. med.

Nach einer Zusatzausbildung zum Psychoanalytiker wurde Richter 1962 auf den neuen Lehrstuhl für Psychosomatik nach Gießen berufen. An der hessischen Universität baute er ein fächerübergreifendes Zentrum für Psychosomatische Medizin auf, das er 30 Jahre leitete. Nach seiner Emeritierung wechselte Richter 1992 als Direktor an das Sigmund-Freud-Institut nach Frankfurt und leitete dies bis 2002.

Richter verstand seine psychoanalytische Arbeit immer auch als Instrument der gesellschaftlichen Aufklärung. Bekannt wurde er als einer der Pioniere der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie im deutschen Sprachraum. Seine Theorie von unbewussten Beziehungskonflikten zwischen Eltern und Kind als Hintergrund kindlicher Störungen wurde international als wesentliche Ergänzung zu Freuds Theorie des Kind-Eltern-Verhältnisses anerkannt. Durch sein Standardwerk Eltern, Kinder und Neurose eröffnete Richter der Kinderpsychologie und der Erziehungswissenschaft eine neue Sichtweise.

Engagement für Attac

In den 1970er Jahren wurde Richter auch international bekannt als Analytiker von Gruppenprozessen und Institutionskonflikten. Er analysierte die aufbrechenden Intergenerationenkonflikte in Deutschland als Auseinandersetzung mit der bislang verschwiegenen Nazi-Vergangenheit. Mit seinem 1979 erschienenen kulturphilosophischen Werk "Der Gotteskomplex" zur Ohnmachtsangst und dem Allmachtswahn in einer wissenschaftlich-technischen Welt wurde Richter einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

1981 wurde Richter mit "Alle redeten vom Frieden" zu einer intellektuellen Leitfigur der bundesdeutschen Friedensbewegung. In der Folge nahm er auch an Demonstrationen und Sitzblockaden teil. Auch in der Ökologie-Bewegung tat er sich hervor.1982 gehörte Richter zu den Gründern der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Er verfasste auch die "Frankfurter Erklärung", in der sich Ärzte mit ihrer Unterschrift dazu bekannten, sich jeglicher kriegsmedizinischen Schulung und Fortbildung zu verweigern.

Seit 2001 engagierte Richter sich auch für die globalisierungskritische Bewegung Attac. In seiner Eröffnungsrede auf dem Gründungskongress der deutschen Organisation 2001 in Berlin plädierte er nachdrücklich für eine engere Verbindung von sozialen, ökonomischen und ökologischen Reforminitiativen mit der Friedensbewegung.

Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Renate Künast und Jürgen Trittin, würdigten Richter als einen "Mensch, der sich mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden hat". Er habe nicht halt gemacht bei der Analyse der Gesellschaft und der sozialen Bewegungen, sondern sei zum maßgeblichen Teil dieser Bewegungen geworden, erklärten Künast und Trittin. Dies gelte vor allem der Friedensbewegung in Deutschland.