Vatikan Frust über die Kurie

Die Irin Marie Collins war die Symbolfigur für den Kampf gegen Kindesmissbrauch. Jetzt tritt sie verärgert aus der päpstlichen Kommission aus. Sie spricht von "Angst vor dem Wandel".

Von Oliver Meiler, Rom

Als die Irin Marie Collins vor drei Jahren in die päpstliche Kommission für den Schutz der Kinder berufen wurde, hieß es, die Personalie beweise, dass es dem Vatikan endlich ernst sei mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Kirche, der Vertuschung und der Intransparenz. Collins galt als Symbolfigur, als Bannerträgerin des Kampfes. Sie war 13, als sich ein Priester sexuell an ihr verging. Die Berufung in ein päpstliches Gremium, eher selten für Frauen, sollte ihr jahrelanges Engagement für die Opfer pädophiler Geistlicher ehren und auch krönen. Von innen, so hoffte sie wohl, lassen sich die Dinge besser verändern. Nun ist Marie Collins 70 Jahre alt und "frustriert", wie sie sagt. Sie legt ihre Aufgabe in der Kommission nieder.

Urteilt man nach dem - zumindest für vatikanische Verhältnisse - scharfen Tonfall ihres Rücktrittsschreibens an Papst Franziskus, der die Kommission 2014 eingesetzt hatte, muss ihr Frust umfassend sein. "Einige in der Kurie", schreibt Collins, "weigern sich, die Empfehlungen der Kommission umzusetzen oder mit ihr zusammenzuarbeiten." Sie spricht von "verschlossener Mentalität", von "Angst vor dem Wandel" und von "Klerikalismus". In der Öffentlichkeit würden schöne Worte gebraucht, hinter verschlossenen Türen folgten dann aber gegenteilige Taten. Zwar nennt sie die Stellen nicht namentlich, dennoch wird klar, dass ihre Kritik in erster Linie der Glaubenskongregation gilt.

Offenbar hat man versucht, Collins dazu zu bewegen, ihre Entscheidung zu überdenken, jedoch ohne Erfolg. Nachdem vor einem Jahr schon das andere Missbrauchsopfer in der Kommission, der Brite Peter Saunders, aus dem Gremium ausgeschieden war, fehlt ihm nun eine entscheidende Dimension. Manche würden sagen: das Feigenblatt. In Interviews in der italienischen Presse klammert Collins den Papst ausdrücklich aus ihrer Kritik aus. Doch offenbar gelingt es Franziskus nicht, seine dezidierten Voten in ebenso entschlossene Taten seiner Regierung, der Römischen Kurie, zu gießen. Erst kürzlich bezeichnete er das Vergehen an Kindern als "absolute Monstrosität" und als "horrende Sünde".

Für Collins sitzen in der Kurie aber "diese Männer", die auch jetzt noch ihr eigenes Wohl vor jenes der Kinder stellten. "Katastrophal" sei das, schreibt sie. Viel deutlicher lässt es sich wohl nicht sagen. Der deutsche Theologe Hans Zollner, wie Collins ein Gründungsmitglied der Kommission, versucht die Enttäuschung der Irin als Ausdruck ihrer Ungeduld zu deuten: Sie habe schnelle Antworten erwartet, sagte der Jesuit der Zeitung Corriere della Sera, wo doch Prozesse im Vatikan immer ihre Weile bräuchten. Das seien viel mehr passive Widerstände als aktive.

Die Kommission soll nun Ende des Jahres einen Bericht vorlegen, der ihre Arbeit abschließt. Was danach kommt, ist unklar. Collins sagt, der Papst habe auch die Idee der Kommission mitgetragen, ein Tribunal einzusetzen, das sich um Bischöfe kümmere, die Fälle von Kindesmissbrauch gedeckt haben. Doch passiert sei nichts. Nun sagt Pater Zollner, Collins habe wohl etwas missverstanden, es sei nie die Rede davon gewesen, ein neues Tribunal einzurichten. Es gebe nämlich schon eines: die Glaubenskongregation.