USA und Nordkorea Die größte Sorge seit 9/11

Angst vor Atomwaffen in den Händen von Terroristen: Nordkoreas Nuklear-Exporte beunruhigen Washington mehr als die Kriegsdrohungen.

Von Henrik Bork

Nordkoreas Atomtest lässt die größte Sorge der USA seit den Terroranschlägen vom 11.September 2001 wiederaufleben. Dies ist nicht die nukleare Bewaffnung Nordkoreas, auch wenn das dieser Tage überraschen mag. Es ist vielmehr die Möglichkeit, dass Nordkorea waffenfähiges Plutonium an Drittländer oder gar an Terroristen verkaufen könnte. Bei der Debatte um die Verbreitung von Atomwaffen, die "Proliferation", geht es zudem nicht nur um atomares Material, sondern auch um den Verkauf von Trägersystemen wie Raketen.

Mit einem "sofortigen und starken Militärschlag" müsse jeder rechnen, der nordkoreanische Schiffe auf hoher See aufbringe oder untersuche, hat der nordkoreanische Staatsrundfunk am Mittwoch verkündet. Die Kriegsdrohung war an die Adresse Südkoreas gerichtet, das einen Tag nach dem Atomtest seines kommunistischen Nachbarlandes angekündigt hat, der "Proliferation Security Initiative" (PSI) beizutreten.

Diese internationale Initiative, der weltweit bereits mehr als 20 Länder als aktive Mitglieder beigetreten sind, war von den USA nach den Terroranschlägen vom 11.September ins Leben gerufen worden. Die Angst vor einer primitiven Atombombe in den Händen von al-Qaida oder anderen Terroristen sollte mit dem Austausch von Informationen über den illegalen Handel von Massenvernichtungswaffen, ihren Komponenten oder Trägersystemen beantwortet werden.

Sie richtet sich nicht allein gegen Nordkorea, doch eine ihrer spektakulärsten Aktionen bestand im Aufhalten eines nordkoreanischen Frachters im Dezember 2002. Die Sosan hatte fünfzehn Raketen vom Typ Scud an Bord und wurde auf dem Weg in den Jemen von einem Kriegsschiff der US-Marine gestoppt. Sie durfte allerdings nach internationalen Protesten gegen die PSI-Aktion weiterfahren. Für Nordkorea war die Aktion dennoch äußerst beunruhigend, denn der Handel mit Raketen ist eine der wichtigsten Devisenquellen des sonst verarmten Landes. 1,5 Milliarden Dollar könnte Nordkorea nach einer Schätzung des US-Instituts für Außenpolitik damit allein in diesem Jahr einnehmen. Die Liste der Kunden ist lang: unter anderem Iran, Syrien, Libyen, Ägypten, Pakistan.

Bislang war die PSI weitgehend zahnlos, nicht zuletzt wegen internationaler Bedenken gegen eine Aufweichung der traditionellen Freiheit der Seefahrt. Wo käme man hin, Schiffe allein aufgrund von Verdächtigungen in internationalen Gewässern anzuhalten, argumentieren die Kritiker. Schiffe, deren Inhalt eine Gefährdung des Weltfriedens darstellen könnten, müssten eine Ausnahme sein, argumentierten die Befürworter.

Südkorea hatte sich ebenfalls jahrelang trotz des amerikanischen Drucks gesträubt, der PSI beizutreten. Seoul fürchtete, Nordkorea zu provozieren, das sich klar als eines der Hauptziele sieht. Auch nach der Ankündigung vom Dienstag gab es noch kritische Stimmen. Eine "emotionale und unmittelbare Reaktion auf die Provokationen Nordkoreas wird keine guten Resultate bringen", sagte der Abgeordnete Song Min Soon von der Demokratischen Partei in Seoul. Die Regierung von Präsident Lee Myung Bak aber wollte nun ihren Schulterschluss mit der neuen US-Regierung von Barack Obama demonstrieren.

Tausende Container verlassen täglich nordkoreanische Häfen

In der Praxis ist es sehr schwer bis unmöglich, alle illegalen Geschäfte der Nordkoreaner zu unterbinden. Vor zwei Jahren, nachdem israelische Kampfjets einen mutmaßlichen Atomreaktor in Syrien bombardierten, wurden dort Medienberichten zufolge Hinweise auf eine Beteiligung der Nordkoreaner am Aufbau der Anlage gefunden. Da die PSI bereits 2003 gegründet wurde, könnte dies als Beleg für ihr bisheriges Scheitern gelesen werden. Auch Berichte über eine nukleare Kooperation zwischen Nordkorea und Iran sind in der Vergangenheit aufgetaucht. Allerdings sind all diese Berichte unmöglich zu verifizieren.

Tausende Container verlassen täglich nordkoreanische Häfen. Das Land ist bekannt für seine Exporte von Designerdrogen nach Japan, von Heroin nach Australien und von "Superdollar"-Blüten mit Ziel USA. 40 Cent kostete vor einigen Jahren eine mit großer Wahrscheinlichkeit in Nordkorea produzierte falsche 100-Dollar-Note, die mit dem bloßen Auge nicht von einem echten Schein zu unterscheiden war. Nordkorea hätte viel zu verlieren, wenn seine Schiffe regelmäßig kontrolliert würden. Dies erklärt nun die heftige Reaktion.

Und sie hat einen weiteren Grund. "Der Beitritt Südkoreas zur PSI sendet zumindest ein wichtiges politisches Signal", sagt Bates Gill, Direktor des Friedensforschungsinstituts Sipri in Stockholm. Auch hätten die Chinesen die Nordkoreaner bereits gewarnt, dass sie nicht als Umschlagsland für verdächtige Container zur Verfügung stünden, sagt Gill.

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