US-Wahl: Sarah Palin Das Desaster der Diva

Die Republikaner wollen Palin jetzt schon zum Sündenbock machen. Doch die Kandidatin wehrt sich - und verstärkt den Eindruck, dass McCains Kampagne innerlich zerfällt.

Ein Kommentar von Christian Wernicke

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Diese schlichte Logik gilt auch in Amerika - und zumal, wenn der Erste seine Zweite doch nur zu dem Zweck angeheuert hatte, um einträchtig auf den Dritten einzuschlagen.

Exakt eine Woche vor dem Wahltag prügeln John McCain und Sarah Palin, das so ungleiche Kandidaten-Duo der Republikaner, längst nicht mehr nur auf Barack Obama ein, ihren demokratischen Widersacher.

Nein, in der Kulisse der Grand Old Party hat bereits die Bataille begonnen, die nach jeder Wahlschlacht droht: der Kampf um die Frage, wer Schuld hat an der (immer wahrscheinlicheren) Niederlage.

Sarah Palin, McCains Frauchen fürs Grobe und selbsterklärter "Pitpull mit Lippenstift", ahnt offenbar, welche Rolle die republikanischen Chefstrategen ihr ab dem 5. November zuweisen wollen: den Part des Sündenbocks nämlich. Das Schwarze-Sarah-Spiel hat ja längst begonnen. Engste McCain-Vertraute tuscheln gern und viel darüber, wie schnell die Aufsteigerin aus Alaska sich in eine unerträgliche Diva verwandelt habe. Dazu passt, was die US-Medien erst vorige Woche enthüllten: Dass Palin, die neue Heldin aller Rednecks und rechten Malocher, in Garderobe durchs Land jettet, die über 150.000 Dollar kostete. Indem die republikanischen Insider streuen, wie "unbelehrbar" und "widerspenstig" diese Frau sei, wollen sie vor allem eine Botschaft nach außen tragen: Wir, die Profis, begehren nicht Schuld zu sein an diesem Desaster.

Palin wehrt sich. Halböffentlich lässt sie durchblicken, wie sehr sie McCains engsten Beratern inzwischen misstraut. Und sie sagt offen, was sie alles anders machen würde. Den frühen Rückzug der Kampagne aus dem verrosteten Auto-Staat Michigan zum Beispiel hat sie unverhohlen als Fehler gegeißelt. Ebenso für falsch und ehrpusselig hält sie den Anstand des John McCain, der ihr sehr persönlich und väterlich streng verbot, noch einmal die alten Hasspredigten von Obamas Ex-Pastor aus Chicago zu thematisieren. Palin nervt der Maulkorb. Aber sie muss, da sie nicht frei zuschnappen darf, die Zähne zusammen beißen.

So wächst der Eindruck, dass McCains Kampagne innerlich zerfällt. Die Republikaner können den Riss nicht länger kitten, der zwangsläufig irgendwann zu Tage treten musste: McCain, der angeblich so andere, weil moderate Republikaner, war im Frühjahr ausgezogen, sein Heil in der politischen Mitte und bei unabhängigen Wählern zu suchen. Im Sommer musste er dann feststellen, dass ihm seine eigenen, stramm rechten Fußtruppen nicht folgen wollten. Also nominierte er, um die konservative Basis heimzuholen, Sarah Palin. Was nun im Herbst wiederum die moderaten Wähler verschreckt.

Diesem Teufelskreis kann McCain nicht mehr entkommen. Den Versuch, seine Partei nach acht Bush-Jahren neu zu erklären, hat er nie gewagt. Stattdessen holte er in seiner Not Palin an seine Seite. Sie war seine Wahl - weshalb er es ist, der am 4. November verlieren dürfte.