US-Regierung im Syrien-Konflikt Die Alleingänger

US-Präsident Obama und sein Außenminister zeigen sich immer entschlossener, in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen. Doch im eigenen Land wächst die Skepsis: Das Parlament fühlt sich übergangen, Experten zweifeln an der Strategie, Soldaten warnen vor den Risiken - und die Bürger sind ohnehin gegen jedes neue US-Abenteuer im Nahen Osten.

Von Nicolas Richter, Washington

Der Präsident ließ sich nicht den geringsten Zweifel anmerken, nicht einmal Erstaunen. Gerade hatte er mit Großbritannien seinen wichtigsten ausländischen Verbündeten verloren, da war schon aus dem Weißen Haus zu hören, dass Barack Obama entschlossen sei, Syrien notfalls auch allein anzugreifen.

Am Freitag dann hielt sein Außenminister John Kerry zum zweiten Mal in dieser Woche ein kompromissloses Plädoyer dafür, das syrische Regime wegen des mutmaßlichen Einsatzes von Chemiewaffen zu bestrafen. Die USA, stellte Kerry klar, träfen ihre eigenen Entscheidungen, sie seien weder von den Vereinten Nationen abhängig noch von ihren Verbündeten. Es könnte also auf einen militärischen Alleingang der USA hinauslaufen. Allenfalls Frankreich dürfte sich anschließen.

Zeugen, Informationen, Satellitenbilder

Kerry legte jene Indizienkette vor, die aus Sicht der USA beweisen soll, dass Syriens Regime vor zehn Tagen Chemiewaffen gegen das eigene Volk verwendet hat. Zeugen, Informanten und Satellitenbilder zeigten, dass das Regime den Angriff schon Tage vorher vorbereitet habe. Die USA wüssten, wann und von wo das syrische Militär die mit Nervengift gefüllten Raketen abgefeuert habe. Sie seien in den Morgenstunden des 21. August aus einem Gebiet aufgestiegen, das vom Regime kontrolliert werde, und in einer Gegend eingeschlagen, die von der Opposition beherrscht werde. Die Kampfstoffe hätten 1429 Menschen getötet. Nach dem Angriff seien die Chemiewaffenexperten angewiesen worden, ihre Arbeit einzustellen. Außerdem habe das Militär das betroffene Viertel unter massiven Beschuss genommen, um Beweise zu vernichten.

In einem Gespräch mit Reportern erklärten Experten im Weißen Haus, sie hätten keinen Beweis dafür, dass Syriens Präsident Assad selbst den Befehl gegeben habe. Doch sei davon auszugehen: Geschichte und Struktur des Chemiewaffen-Programms zeigten, dass der Präsident das letzte Wort habe und dass alle Verantwortlichen danach ausgesucht würden, ob sie zuverlässig und regimetreu seien. Kerry erklärte, dass die USA keine weiteren Beweise benötigten; die Ergebnisse der UN-Inspektoren, die derzeit Proben aus Damaskus auswerten, seien irrelevant.

Angriff kaum noch zu vermeiden

Obama erklärte am Freitagnachmittag, er habe noch keine endgültige Entscheidung über einen Militärschlag getroffen. Allerdings legt das Auftreten Obamas und Kerrys in den vergangenen Tagen den Eindruck nahe, dass ein amerikanischer Angriff kaum noch zu vermeiden ist.

Zugleich ist jüngst in den USA die Skepsis am Kurs Obamas gewachsen. Das Parlament fühlt sich übergangen, Experten zweifeln an der Strategie, Soldaten warnen vor den Risiken, und die Bürger sind laut Umfragen ohnehin gegen jedes neue US-Abenteuer im Nahen Osten. Besonders scheint es viele Bürger zu befremden, dass Obama womöglich das Parlament umgehen möchte. Laut einer Umfrage erklären 79 Prozent der Bürger, dass der Kongress einem Militäreinsatz zustimmen müsse. Obama verspricht derzeit nur, den Kongress zu informieren.