Ursachensuche nach Neonazi-Morden Gift der Diktatur

Es ist kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus dem Osten kommt: In den neuen Ländern ließ man rechtsextremistische Milieus blühen. Nimmt da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern? Die Frage führt auch zu Merkmalen, die schon die erste deutsche Diktatur zusammenhielten.

Ein Kommentar von Constanze von Bullion

Ein Professorensohn und ein Hilfsarbeiter aus Thüringen haben Rache genommen an der Gesellschaft. Begleitet von einer Gärtnerin sind sie aus ihren postsozialistischen Elternhäusern zu einem Feldzug aufgebrochen, der das ganze Land erschüttert, posthum. Mehr als zehn Jahre lang haben sie im Untergrund gelebt, haben Opfer ausgespäht, getötet, fotografiert und ihre Beute im Video präsentiert wie Forscher ihre Schmetterlingssammlung.

Zur Kollektion gehörten Familienväter, die ausländisch aussahen, und eine Polizistin, die ihre Mörder gekannt haben soll. Menschen wurden da hingerichtet, die aus Sicht von Neonazis für "das System" stehen, für die verkommene pluralistische Gesellschaft und den Rechtsstaat, der weg muss. Genauer gesagt: wegbleiben muss. Denn in vielen Köpfen, vor allem ostdeutschen, ist er ein fremder Planet geblieben.

Es ist kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus Jena stammt und nicht aus Detmold. Auch die haarsträubenden Pannen der Behörden, die es möglich machten, dass rechtsextreme Bombenbastler einfach wegtauchten, ist symptomatisch für den Osten der Nachmauerjahre. Nirgends ließ man rechtsextremistische Milieus so blühen wie in den neuen Ländern, nirgends gab es so viele Polizisten, die wegsahen, manchmal aus Sympathie mit Neonazis, manchmal aus Angst um ihre Familien. Im Osten hat die Demokratie sich viele Jahre auslachen lassen, auch in entsetzlich nutzlosen Gerichten.

Wer jetzt aufschreit und sich gegen Ossi-Schelte verwahrt, möge kurz die Luft anhalten. Ja, es hat sich viel getan seither. Es gibt mutige Bürgerbündnisse in den neuen Ländern, die sich mit Behörden vernetzen und Neonazis die Straße streitig machen. Und, ja, auch im Ruhrpott leben mörderische Rassisten, viele. Aber wer die Landkarte rechter Tötungsdelikte sieht, kann das braune Gewimmel im Osten nicht leugnen.

Nach Recherchen der Amadeu-Antonio-Stiftung, die demokratische Initiativen im Osten fördert, wurden seit 1990 in Deutschland 182 Menschen von Neonazis getötet. Eine andere Untersuchung kam "nur" auf 138 Todesopfer rechtsextremer Gewalt. Auch hier zeigt die Landkarte ein klares Muster: Mehr als die Hälfte dieser Täter kommt aus dem Osten, obwohl dort nur ein Fünftel der Bevölkerung lebt.

Der Bundesregierung sind solche Zahlen schnuppe, sie behauptet, seit 1990 seien 47 Menschen von Neonazis getötet worden. Weitere Recherchen unerwünscht. Als jetzt die Blutspur sichtbar wurde, die sich von Thüringen quer durchs Land zieht, dauerte es lange, bis der Bundestag sich zu einer Geste des Mitgefühls aufraffen konnte. Der Bundespräsident musste den Anstoß geben, am Mittwoch empfängt er die Familien der Mordopfer, die man als Mafiosi verdächtigt hatte. Schönen Dank auch.

Die Reaktion des Staates kommt zu spät, gefragt ist Entschlossenheit, zu den Wurzeln des Übels vorzudringen. Keine dankbare Aufgabe für die Politik, die nichts so fürchtet, wie den Wähler zu verschrecken, das scheue Wild, vor allem im Osten. Wieso, so ist da lauter zu fragen, führen ausgerechnet die Kinder ehemaliger Antifaschisten die braunen Truppen an? Nimmt da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern? So wie einst die Rote Armee Fraktion auszog, es den braunen Vätern heimzuzahlen?

Tugenden der ersten deutschen Diktatur

Die Fragen führen in Familien wie die des Professorensohns Uwe Mundlos, in der es nicht an Grips und Ordnungssinn gefehlt haben soll, an der Befähigung also zum Schmetterlingsammeln. Zugegeben, genau weiß man es nicht, die Familie schottet sich ab. Bei allem Respekt, den auch Angehörige eines Mörders verdienen: Sie müssen sich fragen lassen, ob sie bei der Vermittlung menschlicher Werte, von Mitgefühl, auch Emotion, nicht versagt haben, mit verheerenden Folgen. Sie wären nicht allein damit.

Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung. Wer diese Welt im Rückblick betrachtet, stößt bisweilen auf eine erstaunlich niedrige Betriebstemperatur bei der Aufzucht des Nachwuchses. Nein, jetzt kommt nicht die Töpfchentheorie, auch kein Lamento über arbeitende Mütter und moralischen Verfall. Die Spurensuche führt zu Tugenden, die schon die erste deutsche Diktatur zusammenhielten: Überhöhung der Gemeinschaft, Einordnung in autoritäre Denkmuster, ins große Ganze, für dessen Erhalt persönliche Überzeugungen, weichliche Emotionen und Skrupel zurückzustellen waren.

Als die DDR hin war, blieben funktionslose Funktionäre zurück, gedemütigte Lehrer und Polizisten. Sie vermittelten den Jungen das Gefühl, auf einem wüsten Planeten zu leben. Das hat sich festgesetzt, vor allem bei den Verlierern, die Sicherheit in militanten Kampfverbände suchten. Dass das im Osten so gut geklappt hat und das Trio aus Jena so lange nicht aufflog, ist der Verschwiegenheit der ostdeutschen Gesellschaft zu verdanken. Wo Familien - wie im Westen nach dem Krieg - über persönliche Verstrickung nicht sprechen, wo Regierungen die unbequeme DDR-Aufarbeitung für erledigt erklären, bevor sie das Private erreicht, schleicht das Gift der Diktatur in die nächste Generation. Der Westen hat längst das Interesse verloren. Jetzt ist die Rechnung dafür gekommen.