Umbruch im Nahen Osten Zeit des Zorns

Wenn die Wut aufflammt: Der epochale Wandel, der mit dem arabischen Frühling kam, droht in den Gräben des alten Nahost-Konflikts steckenzubleiben. Radikale Aufwiegler haben Konjunktur, der türkische Premier Erdogan gibt ihren Ratgeber - eine fatale Entwicklung. Aber auch Jerusalem trägt Verantwortung. Die einzige Chance auf Frieden: echte Verhandlungen.

Ein Kommentar von Christiane Schlötzer

In Kairo stürmen Tausende Ägypter Israels Botschaft, der Botschafter muss in einem Militärflugzeug in Sicherheit gebracht werden. Auch in Ankara wird Israels Vertreter von seinem Posten verjagt, von der Regierung seines Gastlandes Türkei. Die Leichtigkeit des arabischen Frühlings ist schon länger verflogen, nun aber droht ein Kälteeinbruch mitten im glutheißen arabischen Sommer. Das neue Arabien trifft auf den alten Nahostkonflikt, und der epochale Wandel in der arabischen Welt könnte in den ausgetretenen Gräben zwischen Israelis und Palästinensern stecken bleiben. Es war zu erwarten, dass sich die Emotionen in Ägypten und in anderen Umbruchstaaten Bahn brechen würden, sobald sie nicht mehr von Autokraten mit Polizeiknüppeln niedergehalten werden. Eine differenzierte Debatte über den Nahost-Konflikt war in diesen Staaten schon mangels Pressefreiheit jahrzehntelang unmöglich, außerdem fütterten Islamisten lange genug die Köpfe mit schlichter anti-israelischer Propaganda. Dagegen kam die Friedensvertrags-Rhetorik in Ägypten nie an. So reichte es im Verhältnis der Nachbarn denn auch nur zu einem kalten, von oben verordneten Frieden. Deswegen wollte Israels Regierung auch von Hosni Mubarak nicht lassen, als dem Mann die Macht schon entglitten war. Der Feuerschein vor Israels Botschaft in Kairo und der Anschlag von Eilat im August bestätigen die Ängste der Regierung von Benjamin Netanjahu, Israel könnte der Verlierer im neuen Nahen Osten sein. Zur Beruhigung trägt dabei keineswegs bei, dass sich in den jüngsten Protesten in Kairo vieles vermischt: Frustration über die ins Stocken geratene Revolution, über uneingelöste Versprechen von Demokratie und Aufschwung. Auf diesem fruchtbaren Boden säen nun die radikalen Aufwiegler, sie schüren mit dem Volkszorn, von dem sie nicht genug bekommen können. In den Tagen des Anti-Mubarak-Aufstands spielte anti-israelische Rhetorik keine Rolle, das aufbegehrende Volk wusste, was es wollte: den Diktator stürzen. Nun steht Mubarak vor Gericht und wird, festgeschnallt auf seinem Krankenbett, regelmäßig in den Gerichtssaal geschoben. Das Volk aber wartet weiter auf den Lohn für die revolutionäre Mühsal. In dieses Vakuum stößt ein selbsternannter Ratgeber, der sich früher einmal als demokratisches Vorbild anbieten wollte - der türkische Premier. Nun gibt Recep Tayyip Erdogan den Heißsporn in der Hoffnung auf Beifall vom arabischen Parkett. Kriegsschiffe seines Landes könnten häufiger im östlichen Mittelmeer kreuzen, und auch Hilfskonvois Richtung Gaza würden nicht schutzlos bleiben, ließ der Premier wissen. Dann brach er auf nach Kairo, wo er auf den Zuspruch der Straße hofft. Zwar schob Ankara inzwischen die Versicherung nach, das Nato-Mitglied Türkei schmiede keine neuen Flottillen-Pläne gegen Israels Gaza-Blockade. Aber das türkisch-israelische Verhältnis ist schon seit einer Weile so beschädigt, dass schlichte Beschwichtigungen wenig zählen. Die Verantwortung liegt in diesem Fall in erheblichem Maß auch bei der Regierung in Jerusalem. Die lehnt es bis heute ab, sich für den Tod von neun Türken zu entschuldigen, die im Mai 2010 von Israels Marine auf dem Gaza-Hilfsschiff Mavi Marmara getötet wurden. Zuletzt waren beide Seiten wohl ein wenig aufeinander zugegangen, aber dann setzten sich in Jerusalem wieder die Hardliner durch und die Entschuldigung unterblieb. Ein fataler Fehler. Denn Israel kann derzeit auf keinen Freund in der Region verzichten, alte Rücksichten - siehe Ägypten - tragen nicht mehr. Auch für die Türkei ist der kalte Krieg mit Jerusalem ein Desaster. Ankara hatte sich gerade noch einer Null-Problem-Außenpolitik gerühmt. Von einer Glanzrolle ist heute überhaupt nichts zu sehen. Dabei bräuchte man nun dringend vernünftige Diplomaten und glaubwürdige Mittler. In wenigen Tagen werden die Palästinenser ihren Wunsch, endlich in einem eigenen Staat zu leben, vor die Vereinten Nationen tragen. Von Amerika wird es da eine Abfuhr geben. Präsident Barack Obama, auf den die Palästinenser eine Weile lang alle Hoffnung setzten, wird sie nicht mehr unterstützen. Die Europäer ringen vor allem nur um ihre Einigkeit, damit der Zwietracht nicht den letzten Rest ihrer gemeinsamen Außenpolitik zerstört. In dieser aufgeladenen Atmosphäre wäre es das Schlimmste, wenn die Menschen in Gaza und Ramallah erneut frustriert würden. Auch in Ägypten und anderswo in der Region dürfte der Zorn wachsen, wenn den Palästinensern verweigert wird, wofür die arabischen Revolutionäre in ihren Staaten streiten: für Selbstbestimmung, Freiheit, Würde. Eine blinde Blockade seitens Israel oder der USA wird sie ihrem Ziel nicht näher bringen, und genauso wenig können die Palästinenser reüssieren, wenn sie ein Schau-Votum in den Vereinten Nationen erzwingen. Nur tatsächliche Friedensverhandlungen bringen echten Frieden. Wollen die Türkei und Ägypten weiterhin glaubwürdige Akteure sein in diesem epischen Kampf, dann müssen auch sie sich den Regeln beugen. Als Erstes sollten sie Israels Botschafter wieder ins Land bitten.