Ukraine-Konflikt Auf Russland zugehen

  • Horst Teltschik, früher Berater von Helmut Kohl und ehemals Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, hält das Wort von einem neuen Kalten Krieg für übertrieben.
  • Dennoch warnt Teltschik davor, Russland im gegenwärtigen Konflikt nicht ernst zu nehmen. Das Sicherheitsbedürfnis der Russen müsse befriedigt werden. Russland verbal zu demütigen, hält er für "verheerend".
  • Die USA seien durch innenpolitische Grabenkämpfe kaum noch handlungsfähig. Teltschik spricht von einem Problemfall.
Von Franziska Augstein, Berlin

Der amerikanische Außenminister John Kerry hat die Ukraine-Krise als einen "Weckruf" für die westliche Welt bezeichnet. Horst Teltschik, der langjährige Berater Helmut Kohls und von 1999 bis 2008 Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, findet das befremdlich: "Ich wollte schon fragen: Wer hat denn da geschlafen?", sagt er süffisant. Russland sei doch für die Vereinigten Staaten seit einiger Zeit "nicht mehr interessant".

Teltschik war der Festredner anlässlich der Begründung des Berliner Kollegs Kalter Krieg: Von seinem ehemaligen Zentrum aus soll der Kalte Krieg nun beforscht werden. Wie vieles in der Hauptstadt ist das Berliner Kolleg erst mal ein flottes Provisorium. Angeregt wurde es von Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), für die Dauer von drei Jahren gibt Reemtsma jeweils 100 000 Euro. Zugeschaltet sind das Münchner Institut für Zeitgeschichte, die Humboldt-Universität und die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Das Wort vom neuen Kalten Krieg hält Teltschik für übertrieben

Als der Historiker Bernd Greiner vom HIS sich mit der Idee zu dem Kolleg trug, wusste er noch nicht, dass heute von einem neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Russland die Rede sein würde. Das Wort vom neuen Kalten Krieg hält der 74-jährige Horst Teltschik - seine Familie wurde aus dem Sudetenland vertrieben - für eine grobe Übertreibung: So könne nur reden, wer die Berlin-Blockade 1948, den Aufstand in Ungarn 1956, die Kuba-Krise 1962 oder das Einrücken sowjetischer Panzer in Prag 1968 nicht im Blick habe.

Die Nähe zu Helmut Kohl hat Teltschik geprägt. Seine Festrede zeigte: Wie dem Ex-Kanzler ist ihm die große politische Linie wichtiger als das Getüpfelte. Im Sinn dieser Linie hat er Ende des vergangenen Jahres zusammen mit anderen Prominenten im Hinblick auf den Konflikt in der Ukraine das öffentliche Schreiben "Wieder Krieg in Europa?" initiiert.

Anders als Kohl mag Teltschik Verdienste der SPD anerkennen: Er rechnet es dem damaligen Außenminister Willy Brandt an, dass der angesichts der Ereignisse in Prag 1968 nicht nach Sanktionen gegen die Sowjetunion rief, sondern sich für Entspannungspolitik einsetzte. Heute, moniert Teltschik, gehe es leider anders zu. Teltschik hat während der Kuba-Krise gedient; er hält militärische Abschreckung bis heute für nötig. Aber "Sicherheit und Entspannung" seien nun einmal "die zwei Seiten der gleichen Medaille".

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"Die Russen" haben ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis

Als es um die deutsche Einheit ging, habe man sich in Kohls Kanzlerbüro gefragt: "Was können wir Gorbatschow anbieten?", um seine Zustimmung zur Einheit zu bekommen. Die Antwort war: "das Thema Sicherheit". In der Folge seien in diesem Sinn 22 Verträge und Abkommen geschlossen worden. "Die Russen", erklärt Teltschik, hätten ein "maßlos übersteigertes Sicherheitsbedürfnis". In der Politik zähle freilich "Perzeption mehr als die Realität". Also müsse man das Sicherheitsbedürfnis ernst nehmen. Das sei in den vergangenen 25 Jahren nicht ausreichend beachtet, verschiedene Verträge seien vonseiten des Westens allzu oft ignoriert worden.

Russlands Sicherheitsbedürfnis ergibt sich auch aus seiner unübersichtlichen Größe. An seinen südlichen Grenzen hat das Land es mit islamistischen Fundamentalisten zu tun. Das Verhältnis zu China im Osten ist nicht das beste. Die einzige sichere Grenze, die die Russen hätten, sagt Teltschik, sei die zum Westen: "Das müssen wir ihnen beibringen" - und zwar im eigenen Interesse: "Es gibt keine Sicherheit in Europa ohne Russland."

Als Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl verhandelte Horst Teltschik, 74, früher mit den Sowjets.

(Foto: Johannes Simon)

Russland in seinem Selbstverständnis zu degradieren, ist verheerend

Russland, sagt Teltschik in Berlin, betrachte sich selbst immer noch als eine Großmacht. Im Gefolge Helmut Kohls hat er erfahren, wie nützlich es ist, die Menschen und Politiker anderer Länder nicht zu verprellen, indem man sie in ihrem Selbstverständnis beleidigt. Teltschik kommentiert einen Satz des Vizepräsidenten von Litauen, Russland sei ein schwaches Land: "Er hat ja recht. Aber er hätte es nicht sagen dürfen."

Viel schlimmer sei die Äußerung des US-Präsidenten Barack Obama gewesen, Russland sei lediglich eine "Regionalmacht". Die Russen, so Teltschik, nähmen die EU noch nicht ganz ernst; sie mäßen sich an den USA. Dass ausgerechnet der amerikanische Präsident Russland verbal degradiert habe, sei verheerend. Noch schlimmer: Der innenpolitische Kampf in den USA zwischen den Demokraten und den Republikanern sei so groß, dass das Land kaum mehr vernünftig Politik betreiben könne. Die USA sind "aus meiner Sicht wirklich ein Problemfall heute".

Zur Bewahrung des Friedens gebe es keine Alternative. Auch im Hinblick auf die Zukunft des Assad-Regimes in Syrien hätte der Westen längst schon sich mit der russischen Regierung ins Benehmen setzen müssen. "Wenn wir in Russland etwas ändern wollen", so Teltschik, dann sei das nur mittels kontinuierlicher Zusammenarbeit zu machen, "nicht mit dem moralischen Zeigefinger" und "nicht mit dem Holzhammer".