Proteste in der Ukraine Heimat

Bei den Protesten gegen die Regierung der Ukraine kam es auf dem Maidan-Platz in Kiew Anfang 2014 zu schweren Ausschreitungen.

(Foto: Getty Images)

Die Knochen zerschossen, die Hoffnungen verglüht: Vor zwei Jahren haben Tausende für eine andere Ukraine protestiert. Über drei Männer, die das fast mit dem Leben bezahlt hätten.

Von Detlef Esslinger

Alles ist in etwa so gekommen, wie der Arzt es vorhergesehen hatte. Mit viel Glück werde der Patient sich an zwei Gehstöcken fortbewegen können, sagte er, vor zwei Jahren in Koblenz.

Alles ist sehr viel besser gekommen, als der Patient es selber erwartet hatte. Nachdem er damals aus der ersten OP erwacht war, blickte er auf den Arzt, und was dieser ihm auf Deutsch sagte, verstand er in der ukrainischen Übersetzung so: "Sie werden weder stehen noch sitzen können." Die brutale Form einer Nachricht also. Er dachte, wenn das nun sein Leben sein wird, dann will er lieber gar nicht mehr leben.

Wolodomir Gonscharowski sitzt - und das heißt: Dies ist einer seiner schlechteren Tage. Zwei Gehstöcke liegen in der Ecke, derzeit braucht er den Rollstuhl, und immer, wenn es nur so geht, zieht er um ins Bauernhaus zu seinen Eltern. Die Wohnung, die er mit seiner Frau und dem 16 Monate alten Sohn hat, ist nichts für Rollstühle. Zweiter Stock ohne Aufzug und eng, eingesperrt wäre er dort.

Er sagt: "Ich gebe mir Mühe. Aber wenn ich mein Kind nicht hätte . . ." Er macht eine Pause. "Das ist meine Motivation."

Wolodomir Gonscharowski, 32, ist einer von drei Ukrainern, die die Süddeutsche Zeitung im April vor zwei Jahren im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz besucht hatte. Sie gehörten zu den Tausenden, die drei Monate lang auf dem Maidan in Kiew gegen den korrupten Präsidenten Viktor Janukowitsch demonstriert hatten. Sie gehörten zu denen, die vor zwei Jahren, zwischen dem 18. und 20. Februar 2014, sterben sollten, weil Janukowitsch die Menge verjagen und seine Macht retten wollte. Gonscharowski wurde von zwei Kugeln getroffen. Eine zertrümmerte den rechten Oberarmknochen. Die andere ging durch den Bauch in die Wirbelsäule, traf sie nahe dem Rückenmark und zerstörte die Nervenbahnen, die das rechte Bein steuern. "Es wäre besser, wenn ich gestorben wäre", sagte Gonscharowski in Koblenz, das Gesicht weiß, Ringe um die Augen, und nicht wissend, dass er doch den Sohn gezeugt hatte, bei einem Heimatbesuch vor dem Massaker. "Jetzt werde ich meiner Mutter eine Last sein."

Die Ehefrau hatte mit Scheidung gedroht, aber er fuhr trotzdem aus dem Dorf zur Demo in Kiew

Die Mutter hatte ihn angefleht: Wenn er auf den Maidan fahre, sei er nicht mehr ihr Sohn. Die Ehefrau hatte mit Scheidung gedroht. Swjatets, gut fünf Autostunden südwestlich von Kiew, ist kein Dorf, in dem man Revolution macht. Der Bauer bringt auf dem Pferdewagen die Milchkannen weg, aus den großen Dingen hält man sich raus. Wer das nicht tut, gilt als suspekt.

"Die Leute aus der Gegend haben geglaubt, dass ich zum Demonstrieren gefahren bin, um Geld zu verdienen", sagt Gonscharowski. Er, der Bauarbeiter, war es aber einfach leid, im ganzen Land nach Arbeit suchen zu müssen. Die Zustände waren so, dass sich in Kiew die Reichen im Bentley bewegten; in Swjatets aber würde einer wie er nie morgens aus dem Haus gehen, den Bus nehmen und abends wieder bei der Familie sein können. Stattdessen gab es höchstens Wanderarbeit, und wenn es gut lief, bekam man ein Drittel des Lohns bezahlt, der vereinbart war. Gonscharowski sagt, im Grunde interessiere er sich nicht für Politik. Er fand nur, dass es reichte. "Ich möchte nicht, dass auch meine Kinder noch wie Knechte leben." Auf die Drohungen von Mutter und Ehefrau reagierte er, indem er um eine Flasche Wodka bat, vom selbstgebrannten. Er gehe zum Schwager, trinken, sagte er zu Hause. In Pantoffeln verließ er das Haus - und die zwei Männer fuhren nach Kiew.

Gonscharowski würde gern wissen, wer ihn zum Krüppel geschossen hat. Es gibt Videos, wie Janukowitschs Männer auf der Institutskaya, oberhalb des Maidan, die Gewehre anlegen, und wie sie unten, auf dem Platz, mit dem Schützenpanzer in die Menge fahren; es gibt sogar ein Video, wie ein Helfer Gonscharowski an den Füßen packt und wegschleppt, das war seine Rettung. In Koblenz hatte er gesagt, Gott habe alles gesehen, also werde Gott den Schützen richten. Jetzt sitzt er in seinem Rollstuhl, umgreift mit beiden Armen das rechte Bein und presst zusätzlich den Kopf darauf, die Schmerzen sind so brennend heute. Im Monat erhält er umgerechnet 37,50 Euro Rente, allein die Schmerzmittel kosten aber zehn Euro, die Packung reicht für zwei Tage. Die Mutter ernährt ihn, natürlich; welche Mutter würde ihren Sohn nicht mehr kennen, nach so etwas.

Weites Land, weite Wege, wenig Arbeit und üblicherweise kein Interesse an Politik: Aber 2014 sahen auch Ukrainer aus abgelegenen Dörfern Grund zum Protest.

(Foto: vario images)

"Es ist in Ordnung, wenn sie einen verletzen", sagt Gonscharowski. Befehl ist Befehl, und ein Gegner gehört aus dem Spiel genommen. "Aber es genügte ihnen nicht, dass ich schon am Boden lag. Es war so ehrlos, dann noch mal zu schießen." Inzwischen würde er es nicht mehr Gott überlassen. Gäbe es ein Video mit dem Schützen darauf - "er würde jetzt nicht mehr leben", sagt Gonscharowski. "Auf jeden Fall würde ich ihm Schmerzen zufügen."

Hätte er besser mal auf Mutter und Ehefrau gehört?

"Nein, nein." Gonscharowski schüttelt den Kopf. "Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich auf der Institutskaya selber nur drei Verletzte retten konnte, und nicht 33. Die sind jetzt auf Fotos für immer dort."

Geht man in Kiew, vom Parlament kommend, die Institutskaya hinab, rechts am Hotel Ukraina und links an einem Graffito vorbei ("Happy Birthday, Krawa"), dann bilden die Erinnerungen quasi ein Spalier: Von jedem Gestorbenen soll etwas bleiben: eine Nische in einer Mauer, ein Foto, eine Kerze, eine Schleife, Trockenblumen. Unten angekommen, kann man eine Tour zum ehemaligen Anwesen von Janukowitsch buchen; immer wenn acht Neugierige beisammen sind, fährt der Bus los.

Im Krankenhaus in Koblenz nannten sie ihn den Verrückten, weil er die Schmerzmittel absetzte

Roman Lyndow arbeitet 200 Meter weiter. Das heißt: 200 Meter von der Stelle entfernt, an der er gebrannt hat. Er hat den McDonald's am Maidan als Treffpunkt genannt, von dort führt er zu seiner Organisation. Außen keine Klinke, er muss klingeln und ein Passwort nennen. Er hatte lange überlegt, ob er seinen Besuch hierherführen soll; seine Organisation hat im Westen nicht die beste Presse.

Lyndow, 24, besitzt noch die rechte Hand, links ist eine Prothese. Er hat Brandnarben im Gesicht, er kratzt die Brandnarben auf dem Rücken. Er sagt: "Das Leben ist wunderbar." Er war auf der Howerla, 2061 Meter hoch, dem höchsten Berg der Ukraine. Er betreibt Mixfight, eine Mischung aus Boxen und Treten, er hat jetzt eine Freundin, "sie ist wunderschön".

Auf Lyndow hätte man als medizinischer Laie nicht viel gegeben, als man ihn in Koblenz sah. Ein Viertel seines Körpers war verbrannt, in seinem Spezialbett war von ihm nichts als das rechte Ohr und rotes Fleisch im Gesicht zu sehen. Das Sprechen strengte ihn an, und was ihm passiert war, wollte er nicht sagen. "Es ist so schwer." Nun klappt er den Laptop auf, er spielt das Video ab, auf dem ein Schützenpanzer vom Typ BTR Anlauf nimmt. Der BTR jagt in die Menge, und sofort geht alles in Flammen auf. In ihren Zelten hatten die Demonstranten Molotow-Cocktails aufbewahrt, ihre Waffen, die sich nun plötzlich gegen sie selbst richteten. "Da bin ich", sagt Lyndow, er zeigt auf einen Menschen, der zu nahe an den Flammen ist, um noch davonzukommen. Schnell klappt er den Laptop zu.

Die Ukraine ist nicht zu dem Land geworden, das Roman Lyndow sich ersehnt hatte. Mit 24 hat man manchmal noch etwas pathetische Vorstellungen; Lyndow wollte eine Ukraine, "die ehrlich zu sich selbst und dann auch zu anderen ist". Was er hingegen sieht, sind die Drogen, die Zigaretten und den Alkohol, alles "im Übermaß" konsumiert; die Schwarzfahrten und die anderen kleinen Betrügereien, was die Leute so brauchten, um durchzukommen; den Schnee, der vor dem Krankenhaus nicht geräumt wird, weil sich keiner verantwortlich fühlt. Und er sieht den Oligarchen Petro Poroschenko, dem es als Präsident der Ukraine nicht einmal gelinge, die Schuldigen für das Massaker vom Maidan zu finden, der aber seinen Schokoladen-Konzern gerettet hat, einschließlich der Fabriken in Russland.

"Die Regierung hat noch nicht verstanden, durch wen sie eigentlich an die Macht gekommen ist", hatte Wolodomir Gonscharowski gesagt.

"Jedes Volk hat die Führer, die es verdient", sagt Roman Lyndow. "Und die kritische Masse, um andere Führer hervorzubringen, die ist bei uns noch nicht da."

"Durch den Umsturz hat die Ukraine zumindest die Chance bekommen, ein besseres Land zu werden" - das sagt Jurij Krawtschuk.

Krawtschuk sitzt mit seiner Frau und dem achtjährigen Sohn in seiner Etagenwohnung in Staraja Sinjawa; ein Ort irgendwo auf halbem Weg zwischen Kiew und der rumänischen Grenze ist das. Hier hat er seine 38 Lebensjahre verbracht, für das Foto wird er später das Trachtenhemd seiner Region überziehen, und er erinnert sich, dass sie ihn in Koblenz "den Verrückten" nannten. Ein Schuss in den Arm, ein Schuss in den Unterschenkel, doch drei Tage nach der OP setzte dieser Ukrainer die Schmerzmittel ab, aus Sorge vor Abhängigkeit. Stattdessen steckte er ein Handtuch zwischen die Zähne. Und wieder daheim, ließ er eine Masseurin kommen. Krawa, so nennen ihn alle, ist ein Anführertyp. Er fragt, ob man auf der Institutskaya das Happy-Birthday-Graffito für ihn gesehen habe. Er war zu stolz für Gehstöcke, er wollte schnell wieder auf die Beine kommen. Die Masseurin tat ihm "furchtbar weh", es war ihr Job, nur seine schwarze Katze kapierte es nicht und griff die Frau an, weil sie die Schreie nicht ertrug. Die Masseurin gab auf und ging.

War es das wert?

Krawtschuk wird von seiner Verletzung nichts übrig behalten, er sagt: "Zu hundert Prozent." Er gehört der Swoboda-Partei an, Nationalisten nennen sie sich dort, und wenn man den Vergleich mit einer deutschen Partei suchen würde, wäre der mit der AfD schon deshalb schief, weil es doch die NPD war, die von Swoboda-Vertretern besucht wurde, als sie 2012 noch eine Fraktion im sächsischen Landtag hatte. Inzwischen ist auch Swoboda aus dem Parlament in Kiew ausgeschieden, was die Partei aber nicht davon abhält, dort aufzutreten. Mit mehr als einhundert Mitgliedern protestierte sie Ende August vor dem Haupteingang - als Argumente hatte man Knüppel, Nagelstöcke und Handgranaten dabei; drei Nationalgardisten starben.

Jurij Krawtschuk, das Parteimitglied, sagt, ohne den Sturz Janukowitschs wäre die Ukraine wieder "Teil der Sowjetunion" geworden. Nun jedoch habe sie die Chance, ihre Sprache, ihre Literatur, ihr Theater zu pflegen - "den territorialen Rahmen mit nationalen Inhalten zu füllen", so nennt er das. Er unterscheidet zwischen Nationalisten und Patrioten, und dabei kommen Letztere schlecht weg: Patrioten freuten sich bloß vor dem Fernseher, wenn ihr Land Fortschritte macht, Nationalisten hingegen unternähmen etwas dafür. Krawtschuk ist jetzt stellvertretender Vorsitzender im Rat des Rayon, des Bezirks, zu dem sein Dorf gehört. Er strahlt die Energie eines Menschen aus, der sich eher am Anfang als in der Mitte seiner Karriere sieht, und sein Verständnis von Politik ist recht handfest: Die Sanktionen gegen Russland sind ihm zu sanft. Er wäre für eine "volle ökonomische Blockade", und überhaupt nicht versteht er, warum Deutschland zulässt, dass der Kreml-nahe Sender "Russia Today" mit seiner Propaganda in Berlin zu empfangen ist, aber nicht "das Gleiche in die andere Richtung" tut.

War es das wert?

Roman Lyndow antwortet: "Alles hat seinen Wert." Anderen stößt etwas beim Skifahren zu, ihm eben auf dem Maidan. Andere sind arbeitslos, er hat einen Freund, durch den er seinen Job bekommen hat - in der Personalabteilung des Asow-Regiments. Das ist eine jener Freiwilligentruppen, die im Zuge des unerklärten Krieges zwischen der Ukraine und Russland entstanden sind und die der ukrainische Staat einerseits gut brauchen konnte, die aber andererseits sehr eigene Vorstellungen von Staat und Nation haben.

Erst saß der Feind in Moskau, nun, sagt einer, ist die Korruption das größere Problem als Putin

Roman Lyndow hat das Logo des Regiments auf die Blümchentapete hinterm Schreibtisch drapiert: schwarze Wolfsangel auf gelbem Grund. "Die Deutschen würden es vielleicht als Hakenkreuz bezeichnen." Er sieht vor allem ein I mit einem N davor, Idee der Nation, wie sie im Regiment sagen. "Für mich ist es banal." Er stellt sich eine Ukraine vor, in der es zum Beispiel Rentnern so gut geht, wie er es in Deutschland gesehen hat: dass sie reisen können, und nicht, dass sie jede dritte U-Bahnfahrt schwarz machen müssen, weil drei Griwna, zehn Cent, einfach zu teuer sind. Im Gang draußen hängt eine Tafel, darauf steht, wie sich das Regiment selber sieht. Nationalsozialisten sind sie ausdrücklich nicht. Sozialnationalisten wollen sie sein.

Vor zwei Jahren äußerten sich Lyndow, Krawtschuk und Gonscharowski so, dass als Titel über der Reportage aus Koblenz das Wort "Vergebung" stand. Vor zwei Jahren war die Ukraine im Aufbruch, der Feind schien nur außerhalb zu sitzen, in Moskau. Jetzt sagt Wolodomir Gonscharowski, dass die Korruption ein größeres Problem sei als Putin, und dass die Revolution zu früh beendet worden sei. Man hätte das Parlament dem Erdboden gleichmachen sollen. Es säßen dort ja doch nur neue Gesichter, die die alte Politik machen.

Krawtschuk hingegen gibt an, nie habe er depressive Momente gehabt, und Lyndow, mit all seinen Narben, sagt, er habe keine so schwere Verletzung, dass man sie nicht ertragen könne. Er wolle die nationale Idee unter die Leute bringen, gerade sucht er Ehrenamtliche, die vor den Kliniken Schnee schippen.

Die zwei Überlebenden, die bei den Radikalen ihre Heimat gefunden haben, sind die zwei, denen es gut geht.