Twitter und der Bundespräsident Das Zwitschern der Weinkönigin

Julia Klöckner und zwei andere verrieten das Ergebnis bei der Wahl zum Bundespräsidenten verfrüht - via Twitter. Diese Medienmode schadet der Politik.

Von Johannes Boie

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner, 36, hat eine genaue Vorstellung von guter Medienarbeit. "Als gelernte Journalistin weiß ich, dass Informationen und Fotos, die schnell verfüg- und verarbeitbar sind, nie schaden können", schreibt sie auf ihrer Webseite.

Julia Klöckner am Rednerpult. Die CDU-Abgeordnete kommuniziert gerne, und manchmal ein bisschen zu viel.

(Foto: Foto: oh)

Nie schaden? Seit Samstag dürfte die Parlamentarierin Klöckner ahnen, dass diese Regel nicht ganz stimmt - jedenfalls nicht in Gefilden, die mit Journalismus nur bedingt etwas zu tun haben.

Um 14:18 Uhr infomierte die einstige Redakteurin der Zeitschrift Weinwelt ihre christlichen Parteifreunde ebenso wie jeden anderen Besucher der Internetseite Twitter live aus der Bundesversammlung in Berlin, über die gerade gelaufene Wahl des Bundespräsidenten: "Leute, Ihr könnt in Ruhe Fußball gucke. Wahlgang hat geklappt." Klöckner war als Schriftführerin an der Wahl beteiligt: Sie überwachte den Wahlvorgang, war an der Stimmauszählung beteiligt. "Sie wird als erste erfahren, ob es zu einem zweiten Wahlgang kommt oder nicht", heißt es dazu bis heute auf Klöckners Webseite (pdf).

Klöckner informierte die Öffentlichkeit, bevor das Wahlergebnis offiziell bekannt gegeben wurde. Im Gesetz über die Wahl des Bundespräsidenten ist allerdings festgehalten, dass die Wahl erst dann beendet ist, wenn der Gewählte sie angenommen hat. Auch der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber twitterte, bevor das Wahlergebnis offiziell gemeldet wurde: "Nachzählung ist bestätigt: 613 Stimmen. Köhler ist gewählt!" Bereits um 14:14 hatte sich Kelbers Genosse Garrelt Duin auf Twitter zu Wort gemeldet und ebenfalls das vorläufige Wahlergebnis herausgezwitschert.

Natürlich ist es verständlich, dass deutsche Politiker die Chancen des Netzes für sich nutzen wollen. Viele von ihnen glauben einem einfachen Konzept: Man müsse nur mit den Mitteln Barack Obamas kämpfen, dann werde man auch siegen wie der amerikanische Präsident.

Doch der Unterschied zwischen "gut" und "gut gemeint" war schon immer der Fettnapf, in den einer tritt. Politiker wie Duin, Kelber und Klöckner stellen nicht ihren Sinn für moderne Kommunikation unter Beweis, sondern auch fehlende Medienkompetenz - und mangelnden Respekt vor der Wahl des Staatsoberhaupts. Immerhin ist Horst Köhler Präsident des Landes, und nicht Vorsitzender eines Wandervereins oder einer Senioren-Union.

Im Fall von Julia Klöckner, die 1995 Deutsche Weinkönigin war und schon publiziert hat ("Der Wein erfreue des Menschen Herz"), kommt in diesem Berliner Praecox-Fall erschwerend hinzu, dass sie unmittelbar an der Wahl beteiligt war. Da verkündet man das Ergebnis nicht vorher. Die Winzertochter aus Rheinland-Pfalz hat auch Parteifreunde erschreckt.

Wie viele andere Politiker auch sammeln die Köhler-Delinquenten Duin, Kelber und Klöckner auf Twitter "Follower" - also Menschen, die ihre Statusmeldungen regelmäßig lesen. Follower sind - im für Politiker besten Fall - freundlich gesinnte Meinungsmultiplikatoren: Menschen, die technisch versiert und politisch interessiert sind.

Und die braven Follower sind auch Wähler. Wie in klassischen Medien auch, gilt für Twitter die Grundregel: Je spektakulärer eine Wortmeldung ist, umso mehr Leser stürzen sich auf sie. Schwierig ist es dabei, die Balance zwischen Seriosität und Nähe zu anderen Twitter-Nutzern zu halten.

So muss man den drei vorlauten Abgeordneten vorwerfen, eines der ehrwürdigsten und wichtigsten Prozedere der Bundesrepublik für die Hoffnung auf ein paar Sympathiepunkte beschädigt zu haben.

Natürlich ist es in der Bundespolitik gang und gäbe, Vertraute - auch Journalisten - aus wichtigen Sitzungen und Wahlen per SMS zu informieren. Doch ist dies - im Gegensatz zum Twittern - kein öffentlicher Vorgang, sondern ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Politiker verschaffen sich Gehör, Medien erfüllen ihre Aufgabe. Kein Politiker wird je einem Journalisten, der den Mund nicht halten kann, vertrauliche Informationen aus einem Wahlvorgang schicken.

Die Kommunikation, die über Twitter möglich ist, ist qualitativ wie quantitativ eingeschränkt: Tiefsinnige Fragen oder ganze Debatten - wie jene, mit denen die Abgeordneten auf Seiten wie abgeordnetenwatch.de konfrontiert werden - sind auf Twitter schlicht nicht möglich. Trotzdem kann die Webseite für Politiker durchaus sinnvoll sein. Aber das richtige Medium, um in Kleinkind-Manier: "Hallo, ich weiß es schon!" zu artikulieren und dann das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl zu nennen, ist Twitter nicht.

Das dürfte auch der gelernten Journalistin aus den Reihen der CDU klargeworden sein.