Eine Reportage von Christiane Schlötzer

Die Anhänger des türkischen Predigers Gülen streben in die Mitte der deutschen Gesellschaft. Viele sehen darin einen Beitrag zur Integration - Kritiker warnen vor einer "verschlossenen Welt".

Britische Soldaten robbten hier einst durchs Gebüsch, da war Deutschland noch geteilt, und es galt, den Westen zu verteidigen. Nun tragen die Mädchen auf dem ehemaligen Kasernenhof in Berlin-Spandau Schuluniformen mit Schottenröcken, und die Jungs kleine Krawatten zum weißen Kragenhemd, was auch irgendwie britisch wirkt. Wären da nicht die Kopftücher auf einigen, nicht allen, Mädchenköpfen.

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Die 16 Jahre alte Damla Yildiz schreibt im Tüdesb-Gymnasium in Berlin-Spandau an die Tafel. (© Foto: Buddy Bartelsen)

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"Tüdesb"-Realschule und Gymnasium steht auf einem blauen Schild an dem kantigen Altbau. Dies ist keine Schule wie jede andere. Als Pausenklingel ertönen Takte der türkischen Rock-Legende Baris Manco, und Elternbeiratsvorsitzende Kathrin Willemsen sagt: "Wir haben hier 90 Prozent türkische Kinder, und trotzdem suche ich nicht fluchtartig das Weite."

Zwei Söhne hat Frau Willemsen auf dieser Schule, wegen der Ganztagsbetreuung, der kleinen Klassen und der weit überdurchschnittlich engagierten Lehrer. Dass die Kinder als Fremdsprache Türkisch lernen, stört sie nicht. Unterrrichtssprache sonst ist Deutsch. Realschul-Direktor Niyazi Sargin sagt: "Wir haben hier eine besondere Verantwortung." Verantwortung für den Nachwuchs einer Zuwanderer-Generation, die nun doch das Gefühl hat, "in Deutschland angekommen zu sein". Die mit Scham auf die Bildungsversäumnisse der Vergangenheit blickt, und Lebensgeschichten erzählen kann, die wie bei Lehrer Sargin, oft mit einem Vater beginnen, der Bergmann im Ruhrgebiet war, oder einer Mutter, die nie eine Schule besucht hat.

Irgendwann haben die Söhne und Töchter angefangen, nicht mehr auf die Hilfe anderer zu warten, haben Nachhilfevereine gegründet, und nun haben sie ihre eigenen Schulen. Elf sind es schon in Deutschland, eine zwölfte in Bayern ist im Aufbau. Dass all diese Schulen mehr verbindet, als nur der Wunsch nach sozialem Aufstieg, nach Akademikerkarrieren, das sagen ihre Gründer gewöhnlich nicht, weil sie fürchten, sonst könnten sie auf Ablehnung stoßen.

Angst aus Unkenntnis

Schließlich sind sie Muslime, das könnte Mißtrauen wecken. "Es gibt viele Ängste aus Unkenntnis", sagt Kathrin Willemsen, "aber Religion spielt an dieser Schule gar keine Rolle." Das ist Frau Willemsen nur recht. Ebenso das Alkohol-Tabu auf Klassenfahrten. "Da kann ich ganz entspannt sein".

Dennoch binden es die Schulgründer niemand auf die Nase, dass sie einen gemeinsamen Mentor haben, einen spiritueller Ideengeber, der eine islamische Bewegung geschaffen hat, die mittlerweile weltweit zu den einflussreichsten gehört. Der Inspirator ist der türkische Prediger Fethullah Gülen.

Der 68-Jährige lebt seit zehn Jahren in den USA und lehrt seine Anhänger, dass sie sich dort heimisch machen sollten, wo sie nun einmal leben, dass sie statt Moscheen lieber Schulen bauen sollten, mit anderen Religionen in Dialog treten müssten, und dass der Islam und die westliche Demokratie gut zueinander passten. Es ist eine Botschaft, die herausführen soll aus den Migrantenghettos, hinein in die Mehrheitsgesellschaft. Aber weil nicht gewiss ist, ob diese Gesellschaft die Zuwanderer dort auch haben will, waren Mitglieder der "Gülen-Bewegung" bislang eher leise als laut.

Nun aber haben sie sich öffentlich präsentiert, auf einem Kongreß in der Universität Potsdam, dem Rita Süssmuth ebenso die Ehre gab wie der Rabbiner Walter Homolka, das Ganze samit Gala in einem Großhotel am feinen Berliner Gendarmenmarkt.

Da waren sie alle, die Gründer von Religions-Dialog-Gruppen, wie IDIZEM aus München, der Schülernachhilfen, die es mittlerweile in jeder größeren deutschen Stadt gibt, der Existzenzgründervereine, die wie Barex e.V. in Berlin, sich nun mit EU-Mitteln um Lehrlingsausbildung kümmern und Geld bei türkischen Unternehmern für die Schulen sammeln - und überall sind Gülen-Anhänger dabei.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was türkische Aufsteiger aus religiös-konservativen Familien gerade in Deutschland an Gülen fasziniert.

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