Türkei Eingeschlossen in Cizre

Eine verworrene Geschichte: Mehr als 20 Bürger sind in einer abgeriegelten türkischen Stadt eingeschlossen und verharren im Keller eines Hauses. Die türkische Regierung und die Kurden beschuldigen sich gegenseitig.

Von Luisa Seeling

Unstrittig ist nur eines: dass in der türkischen Stadt Cizre Menschen in einem Keller festsitzen. Wie viele es sind, wie viele von ihnen bereits gestorben sind, vor allem aber: ob es sich um Zivilisten oder um Kämpfer der verbotenen Aufständischen-Organisation "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) handelt - darüber gehen die Darstellungen auseinander.

Politiker der prokurdischen Partei HDP und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erheben schwere Vorwürfe gegen die türkische Regierung: Seit mehr als einer Woche sollen mehr als 20 Menschen in einem Haus in Cizre eingeschlossen sein, einer der Städte, die das Militär abgeriegelt hat. Sechs Menschen seien inzwischen gestorben. Demnach hätten Abgeordnete der HDP in den vergangenen Tagen versucht, einen Krankentransport für die Eingeschlossenen zu organisieren. Sie wandten sich an das Innenministerium, und tatsächlich schickte der Gouverneur der Provinz Şırnak Krankenwagen in das umkämpfte Viertel. Die Helfer konnten die Verletzten jedoch nicht erreichen; sobald sie sich genähert hätten, seien sie beschossen worden, berichtete der HDP-Politiker Faysal Sarıyıldız der Deutschen Presse-Agentur am Telefon aus Cizre. Kurdenvertreter machen Spezialeinheiten der Armee für den Beschuss verantwortlich.

Die Armee geht besonders gegen junge Militante einer PKK-nahen Organisation vor

Die Regierung in Ankara weist den Vorwurf, den Menschen in Cizre Hilfe zu versagen, von sich. Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoğlu verwies auf die PKK, deren Barrikaden und Sprengsätze die Durchfahrt der Ambulanzen verhinderten. In regierungsnahen Medien hingegen heißt es, in dem Haus seien gar keine Zivilisten, sondern PKK-Kämpfer versteckt - das Ganze sei eine Falle. Die Ausgangssperren verhindern, dass sich unabhängige Beobachter ein Bild machen können. "Wir bekommen völlig unterschiedliche Darstellungen" in der Frage, ob die Regierung oder die PKK Hilfe für die Eingeschlossenen verhindere, sagte Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch, der Zeitung Hürriyet Daily News.

Seit Monaten führt die türkische Regierung im Südosten Krieg gegen kurdische Milizen. Die Armee geht insbesondere gegen junge Militante der PKK-nahen Jugendorganisation YDG-H vor, die sich in Städten verschanzt haben. Einige Ausgangssperren bestehen schon seit zwei Monaten. Nach Angaben der Türkischen Menschenrechtsstiftung sind in dem Konflikt seit August mindestens 198 Zivilisten getötet worden. Zehntausende Bewohner seien auf der Flucht.