Trauer in Warschau Polen verneigt sich vor Lech Kaczynski

Ankunft des Sarges in Warschau: Viele Polen erweisen ihrem Präsidenten die letzte Ehre. Unterdessen legten Ermittler erste Erkenntnisse zur Ursache des Flugzeugunglücks vor.

Einen Tag nach dem Flugzeugunglück bei Smolensk werden erste Details bekannt: Die abgestürzte polnische Präsidentenmaschine hatte nach Angaben der russischen Ermittler keinen technischen Defekt.

Die Aufzeichnungen der Flugschreiber hätten diese Annahme bestätigt, sagte der leitende russische Ermittler Alexander Bastrykin am Sonntag. Zuvor hatte er sich mit dem russischen Regierungschef Wladimir Putin am Unglücksort im westrussischen Smolensk getroffen.

Als Ursache des Unglücks wurde menschliches Versagen angenommen. Offenbar hatte der Piloten den Rat der russischen Fluglotsen nicht beachtet, wegen des dichten Nebels auf den Flughafen Minsk auszuweichen. Beim vierten Versuch, in Smolensk zu landen, streifte die Maschine Baumwipfel und stürzte am Samstagmorgen in ein Waldgebiet.

Doch ob der Pilot am Steuer der Kaczynski-Maschine bei seinen Landeversuchen eigenmächtig oder möglicherweise unter Druck handelte, das muss sich erst zeigen. Die Möglichkeit, dass auch Kaczynski als Präsident trotz der russischen Warnungen Landebefehl gegeben haben könnte, schlossen Beobachter nicht aus.

Im August 2008 hatte Kaczynski einem anderen Piloten trotz des damals in Georgien geltenden Kriegsrechts befohlen, das Flugzeug des Präsidenten in Tiflis zu landen. Der Pilot widersetzte sich und landete in Aserbaidschan.

Kaczynski soll nach Medienberichten von damals über die lange Autofahrt so sauer gewesen sein, dass er den Piloten feuern lassen wollte.

Die russische Luftwaffe und das Verkehrsministerium sprachen an diesem Wochenende von "eigenmächtigem Handeln" des Piloten. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen. Vorgeschrieben seien für Landungen 1000 Meter Sichtweite, sagte Russlands Verkehrsminister Igor Lewitin.

Der Vizekommandeur der Luftwaffe, Sergej Rasygrajew, wies Fehler auf russischer Seite zurück. Der Flughafen in der Nähe der Stadt Smolensk sei technisch in einwandfreiem Zustand gewesen, betonte er im russischen Staatsfernsehen. Auch das Flugzeug vom Typ Tupolew TU-154 selbst war nach ersten Ermittlungen trotz seines Alters von etwa 20 Jahren technisch einwandfrei gewesen.

Flugzeug mit Leichnam des Präsidenten in Warschau gelandet

Unterdessen ist das Flugzeug mit dem Sarg des polnischen Präsidenten am Sonntagnachmittag in Warschau eingetroffen. Die Maschine landete auf dem Militärflughafen der polnischen Hauptstadt, wo der Sarg vor Familienmitgliedern und ranghohen Politikern aufgebahrt wurde.

An der Zeremonie auf dem Flughafengelände nahmen unter anderem Kaczynskis Tochter, sein Zwillingsbruder Jaroslaw, Ministerpräsident Donald Tusk sowie EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek teil.

Anschließend sollte ein Leichenwagen den Sarg zum Präsidentenpalast im Stadtzentrum bringen. Tausende Menschen säumten bereits die Straßen dorthin.

Ein Land in Schockstarre

Das öffentliche Leben in Warschau kam am Sonntag zum Stillstand, als die Stadt mit zwei Schweigeminuten der Toten gedachte.

Sirenen heulten am Sonntagmittag, wildfremde Menschen reichten sich zur landesweiten Trauerminute die Hand und bildeten vor dem Präsidentenpalast in Warschau eine Menschenkette um abertausende niedergelegter Kerzen und Rosen.

Das Extrablatt der größten polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza erschien mit Trauerflor, die Sonderausgabe des Konkurrenten Rczeczpospolita mit schwarzem Rand.

In der Trauer vereint rückt das Land zusammen, und das vor der nun fälligen Neuwahl des Präsidenten. Sejm-Marschall Bronislaw Komorowski, der nach dem Tod Kaczynskis kommissarisch die Staatsgeschäfte übernommen hat, brachte es in einer Fernsehansprache auf den Punkt: Die nationale Tragödie vereinigt alle, es gibt keine Spaltung mehr in rechts und links, politische Meinungsverschiedenheiten sind bedeutungslos geworden.

Lech Walesa, Polens legendärer Arbeiterführer und erster demokratisch gewählter Präsident, hatte es am Tag des tragischen Absturzes von Smolensk am Samstag deutlich ausgedrückt: Polen hat 70 Jahre nach dem Massaker an mehr als 20.000 Offizieren und Intellektuellen im russischen Katyn noch einmal einen Großteil seiner geistigen Elite verloren. Ausgerechnet an dem Tag, an dem erstmals ein polnischer Präsident selbst am Ort des Geschehens der vom sowjetischen Geheimdienst Ermordeten gedenken wollte, kommt es zur Tragödie.

Der Tod des polnischen Präsidenten löste weltweit Trauer und Bestürzung aus - nicht nur in der Politik, sondern auch bei vielen Bürgern. In Deutschland und ganz Europa gaben Gedenkgottesdienste der Trauer Raum. Am Brandenburger Tor in Berlin versammelten sich rund hundert Menschen zu einer Schweigeminute. In London wurden Blumenkränze vor der polnischen Botschaft niedergelegt. Papst Benedikt XVI. trauerte beim Regina-Coeli-Gebet in Castel Gandolfo mit der "geliebten polnischen Nation".

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Ehemann Joachim Sauer trugen sich am Sonntag ins Kondolenzbuch der polnischen Botschaft ein. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ordnete in Deutschland Trauerbeflaggung für den noch nicht festgelegten Tag der offiziellen Trauerfeier in Warschau an.