Tierschutz Wer denkt an die Kälbchen?

Rinderhälften in der Kühlhalle eines Schlachthofs - ob eines der Tiere beim Schlachten trächtig war, wird oft zu spät bemerkt.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Es ist ein Drama in deutschen Schlachthöfen, von dem kaum jemand weiß: Jährlich sterben Zehntausende ungeborene Kälbchen, weil trächtige Kühe geschlachtet werden. Dabei wäre der Aufwand, um das zu verhindern, gering.

Von Daniela Kuhr, Berlin

Es ist ein Drama, das sich täglich viele Male in Deutschlands Schlachthöfen ereignet - von dem aber kaum jemand weiß: Eine Kuh wird betäubt, getötet, aufgehängt, aufgeschnitten und ausgenommen. So weit mag sich das zwar bereits dramatisch anhören, diese Arbeitsschritte sind aber völlig normal. Auf dem Förderband landen Magen, Darm, Geschlechtsteile - sowie ein totes Kälbchen. Und eben das ist das Drama: Die Kuh, die geschlachtet wurde, war trächtig, doch niemand hat es gemerkt. Und weil das Kälbchen vom Zeitpunkt der Tötung an nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird, erstickt es.

Kai Braunmiller schüttelt sich, wenn er daran denkt. Er hat es schon erlebt, nicht nur einmal. "So einen Fötus vor sich liegen zu sehen, das geht einem an die Nieren", sagt der Amtstierarzt, der zugleich Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft für Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz ist. Er schätzt, dass von den jährlich 1,2 Millionen geschlachteten Kühen bis zu vier Prozent - und somit 48 000 Tiere - trächtig sind. Die Bundestierärztekammer nimmt sogar an, dass pro Jahr 180 000 trächtige Rinder geschlachtet werden, "und das überwiegend gegen Mitte oder Ende der Trächtigkeit", sagt Kammerpräsident Theo Mantel. In diesem Stadium sind die Kälbchen nach Meinung der Tierärzte in jedem Fall bereits schmerzempfindlich und leiden. Braunmiller stellt daher fest: "Egal, wie hoch die Zahl tatsächlich ist - jedes einzelne Tier ist eines zu viel."

Landwirtschaftsministerium will forschen lassen

Wie aber kommt es überhaupt dazu? Schließlich werden die Tiere vor dem Schlachten von einem Tierarzt begutachtet, da müsste die Trächtigkeit doch auffallen. "Leider ist das nicht so einfach", sagt Braunmiller. "Die Rinder werden im Lkw angeliefert, dann öffnet sich die Klappe, und sie laufen meist in der Gruppe am amtlichen Tierarzt vorbei." Da es dicke und magere Tiere gebe, komme es durchaus vor, dass der Arzt eine Trächtigkeit nicht bemerke. "Zumal er vorrangig darauf achtet, ob sie gesund aussehen, keine tierschutzrelevanten Verletzungen vorliegen oder Anzeichen haben, dass sie kürzlich mit Antibiotika behandelt wurden."

Seiner Meinung nach ist der Schlachthof der falsche Ort, um das Problem zu lösen. "Bereits der Landwirt selbst muss verhindern, dass trächtige Tiere geschlachtet werden." Beim Deutschen Bauernverband (DBV) sieht man das genauso, geht aber davon aus, dass das auch passiert. "Die Landwirte betreiben viel Aufwand mit der Zucht. Schon aus wirtschaftlichen Gründen, vor allem aber aus ethischen, wollen sie keine trächtigen Tiere schlachten", sagt DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken. Er hält selbst die Zahl von 48 000 Tieren für "unplausibel".

Im Bundeslandwirtschaftsministerium aber nimmt man das Problem sehr ernst. Man sei bereits in Brüssel aktiv geworden und werde ein Forschungsprojekt in Auftrag geben, sagt Staatssekretärin Maria Flachsbarth (CDU). Braunmiller fordert, das Schlachten trächtiger Rinder unter Strafe zu stellen. "Dann wären die Landwirte gezwungen, ihre Tiere zu untersuchen, zumal ein Tierarzt dafür gerade mal fünf Euro verlangt." Von dem Forschungsauftrag des Ministeriums hält er nichts. "Seit Jahrzehnten kennen wir das Problem. Wir müssen nicht forschen, sondern endlich handeln."