Terror in Istanbul Der Anschlag von Istanbul trifft auch die deutsche Flüchtlingspolitik

Eine Frau trauert im Istanbuler Viertel Sultanahmet um die Opfer des Anschlags.

(Foto: dpa)

Je instabiler die Türkei, desto schlechter die Aussichten für den Plan der Kanzlerin, möglichst viele Flüchtlinge dort zu halten.

Kommentar von Joachim Käppner

Allein der Ort des Anschlags ist ein Symbol: Die Hagia Sophia war in byzantinischer Zeit die prächtigste Kirche der Christenheit. 1453 wurde sie zur Moschee und Istanbul, damals Konstantinopel, der Mittelpunkt des muslimischen Imperiums der Osmanen. Heute ist sie ein Museum, eine Sehenswürdigkeit über alle Religionsgrenzen hinweg, und Istanbul eine vergleichsweise tolerante Stadt, der viel beschworene Schnittpunkt Europas und Asiens. Und hier reißt ein Selbstmordattentäter etliche Menschen in den Tod, die meisten von ihnen Deutsche. Im Viertel Sultanahmet zwischen der Hagia Sophia und der berühmten Blauen Moschee drängen sich täglich Touristen, Fremdenführer, Eisverkäufer - für Terroristen ein ideales "weiches Ziel".

Der Anschlag wirft viele Fragen auf. Sein Modus Operandi deutet auf den IS als Urheber hin, die Türken haben der Terrortruppe die Schuld gegeben. Sollte das zutreffen, weiß man nicht, ob die deutschen Opfer gezielt ausgesucht wurden oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Aber spielt das eine Rolle? Im ersten Fall läge der Schluss zwar nahe, dass der Islamische Staat Rache nehmen wollte, weil sich die Bundesrepublik mit einer Fregatte und Tornado-Aufklärungsjets am Krieg gegen ihn beteiligt. Die Flugzeuge starten von türkischem Boden aus.

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Sollte die Auswahl der Opfer Zufall sein, bestätigt das schlicht, dass jeder überall zum Ziel der Mörder werden kann. Es ist gleichgültig, ob er in einem Café in Paris sitzt oder das islamische Erbe Istanbuls besucht; gleichgültig, wie eine Regierung sich zum Krieg gegen den Kalifatstaat stellt - ob sie sich fernhält, wie die Franzosen militärisch hart zurückschlägt oder wie die Deutschen mit einem eher kleinen Beitrag Solidarität demonstriert. Dass die Koalition gegen den IS keinem gemeinsamen Plan folgt, macht die Sache nicht leichter.

Die Türkei steckt fest im Griff des Terrors

Wenn die Städte der Türkei nun auch vom Terror erschüttert werden, wird dies keine guten Folgen für das Konzept der Kanzlerin haben, das Land dabei zu unterstützen, möglichst viele syrische und irakische Flüchtlinge zu behalten. Damit will Angela Merkel den Andrang der Verzweifelten nach Deutschland dämpfen. Je instabiler die Türkei erscheint, desto weniger Aussichten dürften diese Pläne haben.

Diesmal trifft es das Herz der Türkei

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Das Land steckt im Griff des Terrors. In Ankara traf er kurdische Friedensdemonstranten, nun Touristen. Die Türkei hat im Grenzgebiet zu Syrien streckenweise mit dem IS kooperiert, um die kurdische PKK zu schwächen, gegen die sie erheblich energischer kämpft als gegen die Islamisten. Genutzt hat ihr diese Abkehr vom Friedensprozess mit den Kurden, ein von Präsident Erdoğan verschuldeter Rückfall in den Nationalismus, gar nichts.

Vielleicht sollte er eher im Sinne Mehmets des Eroberers handeln, jenes Sultans, der zwar die Hagia Sophia in eine Moschee umwandeln ließ, sich später aber als Anhänger praktischer Vernunft und Toleranz zeigte: "Eine Begabung ist es, eine Stadt zu bauen und das Herz der Untertanen glücklich zu machen." Boten des Unglücks gibt es genug.

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