Syrien Vergessener Krieg gegen Assad

Ein Mann trägt zwei Mädchen nach einem Luftschlag der Regierungstruppen in der syrischen Stadt Aleppo (Archivbild vom Juli 2014).

(Foto: AFP)

Der Vormarsch radikalislamischer IS-Kämpfer im Irak hat die Welt von Syrien abgelenkt - sehr zum Nachteil der Gegner von Machthaber Baschar al-Assad. Selbst dem werden die Dschihadisten unheimlich, seit ein paar Wochen lässt er seine Luftwaffe angreifen. Will er sich auf die Seite Amerikas stellen?

Von Sonja Zekri, Kairo

Was ist schlimmer als ein Krieg? Ein vergessener Krieg. Ein Krieg wie in Syrien. Schon vor der Kalifatskrise im Irak war der inzwischen dreijährige Bürgerkrieg eher eine Sache für Pflichtbewusste oder Eingeweihte. Inzwischen überschattet der gemeinsame irakisch-kurdisch-amerikanische Kampf gegen die Dschihadisten im Nachbarland weitgehend die Entwicklungen in Syrien. Dabei war Syrien, vor allem die Stadt Rakka, eine Art Inkubator für den Islamischen Staat (IS), der zwar als Al-Qaida-Ableger im Irak entstand, aber in Syrien zu Hochform auflief und sich dort verselbständigte - auch und vor allem mit Duldung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Für Assad waren alle Aufständischen schon sehr früh nur "Terroristen", die er, der Chirurg, in einer blutigen Operation aus dem syrischen Volkskörper entfernen müsse. Je halsabschneiderischer und gefährlicher sich die Gotteskrieger zeigten, desto schlimmer war die Situation für alle anderen Assad-Gegner.

Wie weit die Komplizenschaft zwischen Regime und Islamischem Staat reichte, ist unmöglich zu überprüfen. Zweifellos aber führte sie zu einer drastischen Schwächung aller anderen Regimegegner. Deir al-Sur beispielsweise, eine strategisch wichtige Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens, war lange Zeit dreigeteilt, berichtet Elias Perabo, Mitgründer der Organisation Adopt-a-Revolution. Eine knappe Hälfte hielten Kämpfer der Freien Syrischen Armee und der Islamischen Front. Die andere Hälfte hielt das Regime, während der Islamische Staat nur einen Bruchteil kontrollierte: "Heute aber ist die Freie Syrische Armee praktisch nicht mehr da. IS und Regime teilen die Stadt unter sich auf."

Die folgenschwerste Entwicklung zeichnet sich in Aleppo ab

Ebenso nur noch in Spurenelementen vorhanden: der unbewaffnete politische Widerstand, der für die Idee eines einigen, freien und demokratischen Syriens eintritt. "Unsere Partner wissen, dass in diesem Konflikt für sie erst einmal nichts mehr zu gewinnen ist. Aber sie haben lokal viel zu verlieren", so Perabo. Seine Organisation sei deshalb dazu übergegangen, zivilgesellschaftliche Initiativen zu unterstützen, eine Bibliothek in Duma bei Damaskus, ein Trauma-Zentrum in Afrin bei Aleppo, Erste-Hilfe-Kurse, Kinderbetreuungen. Aber auch diese Einrichtungen sind bedroht, vor allem von den Dschihadisten.

In Menbedsch bei Aleppo beispielsweise, einem Ort mit 150 000 Einwohnern, haben Unerschrockene ein Zentrum für Frauenförderung und die Weiterbildung von Lehrern eingerichtet. Die Pädagogen, so Perabo, sollen lernen, eine pluralistische und demokratische Gesellschaft zu vermitteln. Das ist nichts für Gotteskrieger: Nachdem sie sich einmal hatten zurückziehen müssen, kehrten sie zurück - und drohten den Aktivisten mit einem detaillierten Strafkatalog. Die Aktivisten flohen, das Zentrum musste Ende Januar schließen. In Menbedsch - dies ein Hoffnungsschimmer - protestierten die Menschen vor vier Wochen mit einem Generalstreik gegen den Islamischen Staat.

Während die Welt den Kurden im Irak zur Hilfe eilt, gebe es für Syrien nach dem Scheitern der Genfer Gespräche nicht einmal den Versuch, eine politische Strategie zu entwickeln, sondern lediglich die Hoffnung auf eine Eindämmung des Konflikts. Mehr noch: Während die US-Luftwaffe im Irak an der Seite der Kurden gegen die meist sunnitischen Araber der IS-Milizen kämpft, machen die Sunniten in Syrien den größten Teil der Regimegegner aus. So verfestigt die Rettung der kurdischen Jesiden im Irak bei den sunnitischen Partnern in Syrien auf fatale Weise den Eindruck, "dass sie nichts wert sind". Dies aber, so Perabo, sei genau jene Konstellation, die die sunnitischen IS-Extremisten ausnutzen: In manchen Orten seien sie von der Bevölkerung als Befreier begrüßt worden, erst später, als sie den wahren Charakter der Steinzeit-Islamisten erkannten, wandten sich viele ab.

"Wir werden die Revolution nicht beleben können."

Eine der folgenschwersten militärischen Entwicklungen der vergangenen Monate zeichnet sich derzeit in Aleppo ab. Drei Jahre lang hat eine heterogene Mischung aus Einheiten der Freien Syrischen Armee, der Islamischen Front und der al-Qaida-nahen Nusra-Front gegen das Assad-Regime gekämpft. Dieser hatte mit Fassbomben entsetzliche Verheerungen angerichtet und große Teile der Stadt unbewohnbar gemacht. Es folgten Offensiven auf dem Boden, die die assadfeindlichen Kämpfer in den Norden der Stadt zurückdrängten. Im Jahr 2012 sollte Aleppo für die Rebellen der Beginn ihres Siegeszugs sein, aber sie hatten unterschätzt, dass viele Bürger der reichen Händlerstadt mit dem Regime nicht so große Probleme hatten wie mit dem Aufstand. Seitdem ist Aleppo - viermal so groß wie Homs - auf einen Bruchteil seiner ursprünglich drei Millionen Einwohner geschrumpft.

Die derzeit größte Bedrohung für Aleppo aber stammt von den Dschihadisten. Vor wenigen Tagen rückten die IS-Milizen auf Aleppo vor. Sie eroberten sechs nördlich der Stadt gelegene Dörfer und stehen offenbar nicht einmal mehr 50 Kilometer entfernt. Kommandeure der Rebellen hamstern Lebensmittel - Linsen, Reis, Babynahrung für die verbliebenen Kinder - , um zu verhindern, dass Aleppo - wie zuvor die Assad-Gegner in Homs - ausgehungert werden. "Wir sind dabei, Aleppo zu verlieren, und niemand tut etwas", klagte ein FSA-Kommandeur: "Wir werden die Revolution nicht wiederbeleben können, wenn das geschieht. Und wir verlieren die Moderaten in Syrien." Die Überlebenden der Belagerung in Homs, ausgezehrt, erschöpft und ohne Munition, waren für die Dschihad-Kämpfer eine leichte Beute: Sie zwangen sie, ihren Reihen beizutreten - oder zu sterben.

Inzwischen sind die enormen Geländegewinne der Dschihadisten offenbar auch dem Assad-Regime unheimlich geworden, denn nach dem Triumphzug im Irak greifen diese auch in Syrien häufiger militärische Stützpunkte an, entführen oder ermorden Soldaten. Seit ein paar Wochen bombardiert die syrische Luftwaffe deshalb erstmals entschieden den Islamischen Staat. Langfristig, so eine Vermutung, wolle Assad demonstrieren, dass er und Amerika auf einer Seite kämpfen gegen den Islamischen Staat. Die Frage ist, ob Amerika darauf hereinfällt.

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