Skandinavien in der Ukraine-Krise Ende der Neutralität

Schweden und Finnland waren lange stolz darauf, keinem Militärbündnis anzugehören. Nur zögerlich kooperierten sie mit der Nato - bis zur Ukraine-Krise. Aus Furcht vor Russland nähern sich die Länder nun immer mehr der Allianz an.

Kommentar von Silke Bigalke

Im Norden, so ein Vorurteil, sind die Menschen ruhiger, gelassener, überlegter. Unparteiischer? Finnland und Schweden galten lange als neutral. Sie gehören nicht der Nato an, sind Russland geografisch sehr nah. Sie betonen beide, dass sie militärisch bündnisfrei sind und bleiben werden, auch dann, wenn sie nun einen weiteren großen Schritt Richtung Nato machen. Beim Gipfel in Wales kommende Woche möchte Finnland ein Gastland-Abkommen mit dem Militärbündnis unterzeichnen. Es öffnet sich damit für Nato-Truppen, die dann in Finnland üben und finnische Häfen, Flughäfen und andere Infrastruktur nutzen dürfen. Schwedens Regierung hat dasselbe angekündigt.

Ist das das Ende der Neutralität? Die Wahrheit ist: Mit der ist es schon lange vorbei. Müssten sich Schweden und Finnland in einem militärischen Konflikt für eine Seite entscheiden, besteht kein Zweifel daran, welche sie wählten.

Jeden Schritt machen Schweden und Finnland gemeinsam

Der Konflikt in der Ukraine zwingt die beiden nordischen Staaten nun, sich auch für jeden sichtbar auf die westliche Seite zuzubewegen. Russlands Verhalten hat beide Länder tief verunsichert. Zuerst sind sie einander nähergerückt und haben vereinbart, militärisch stärker zu kooperieren. Jeden Schritt Richtung Nato machen sie gemeinsam. Keiner will zurückbleiben. Ungebunden wollen sie sein, aber nicht isoliert.

Die Nato-Partnerschaft war bisher ein Weg, beides zu haben. Schweden und Finnland arbeiten seit 20 Jahren mit der Allianz zusammen, nehmen auf Einladung an Übungen teil. Seit vergangenem Jahr stellt Schweden Truppen für die Nato-Eingreiftruppe NRF, Finnland beteiligt sich seit 2012. Die Zusammenarbeit gründet auf dem Nato-Programm "Partnerschaft für den Frieden" von 1994. Die meisten europäischen Unterzeichnerstaaten sind längst Nato-Mitglieder. Die Nordeuropäer müssen sich daher fragen, was ihre Partnerschaft noch wert ist. Für den finnischen Regierungschef Alexander Stubb war es deswegen wichtig zu betonen, dass Finnland beim nächsten Nato-Gipfel einen anderen Status habe als in der Vergangenheit.

Die Frage ist also weniger, ob die beiden Staaten noch neutral sind. Die Frage ist, was sie davon abhält, sich von ihrer Schein-Neutralität zu verabschieden und der Nato beizutreten. Fragt man die Bevölkerung - und das tun die Umfrageinstitute regelmäßig -, ist die Mehrheit immer noch in beiden Ländern gegen den Beitritt. Viele betrachten die Bündnisfreiheit als Teil ihrer nationalen Identität. Sie hat ihnen in der Vergangenheit ein Gefühl von Sicherheit gegeben und Konflikte in der Ostsee-Region vermieden. Die Länder mussten keine Truppen nach Afghanistan oder in den Irak schicken, und sie wurden als neutrale Stimmen in der Welt gehört.

Es ist Wahlkampf in Schweden

Andererseits verursacht die Bündnislosigkeit, die ihnen früher Sicherheit gegeben hat, nun Unsicherheit in beiden Ländern. Sie fürchten, sich im Ernstfall allein nicht verteidigen zu können. Nervös melden die Medien jede Luftraumverletzung. Mal sind es amerikanische Flieger, mal russische, immer beschwichtigt das jeweilige Verteidigungsministerium hinterher. In den Umfragen schrumpft der Anteil der Nato-Gegner. Die Verteidigungsetats wurden aufgestockt, Befürworter des Beitritts in beiden Parlamenten werden lauter.

Und doch: Ein Beitritt scheint fern zu sein. Die Regierungskoalition in Finnland hat einen Beitritt bereits ausgeschlossen. In Schweden treiben ihn nur zwei der vier Regierungsparteien voran. Es herrscht Wahlkampf, doch der Nato-Beitritt ist kein Thema. Für ihn bräuchte man eine breite Unterstützung. Es ist keine Entscheidung, die die sonst so überlegten Nordeuropäer aus Unsicherheit heraus treffen möchten. So bleiben Gegner und Befürworter ruhig, scheinbar gelassen. Und rutschen Stück für Stück näher auf die Nato zu.