Italiens Premier wird wegen privater Petitessen gejagt, dabei entstammen die Sünden des Politikers Berlusconi nicht dem Reich der Erotik - sie sind viel gewaltiger.
Al Capone, der Unterwelt-Boss von Chicago, hatte sich vieler Kapitalverbrechen schuldig gemacht, bevor ihn die Justiz wegen vergleichsweise kleiner Delikte packen konnte: wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche.
Die Sünden des Politikers Berlusconi entstammen nicht dem Reich der Erotik - er vergeht sich am Rechtsstaat. (© Foto: Reuters)
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Die italienische Opposition setzt derzeit in der Auseinandersetzung mit Silvio Berlusconi auf eine ähnliche Strategie. Sie stellt den Premier nicht wegen seiner politischen Sünden, sondern wegen vermeintlicher privater Laster. Eine mögliche Affäre mit einem Möchtegern-Showgirl soll den Regierungschef stoppen.
Dabei ist das Verhältnis des Premiers zu der blutjungen Signorina Noemi für das Wohl und Wehe Italiens unerheblich. Und irrelevant könnte auch die linke Opposition werden, wenn sie weitermacht wie bisher.
Die Sünden des Politikers Berlusconi entstammen nicht dem Reich der Erotik. Der "Cavaliere" hat sich vielmehr am italienischen Rechtsstaat vergangen, an der Demokratie und am Prinzip der Medienvielfalt, die die Grundlage gesunder, moderner, florierender Nationen ist.
Den Rechtsstaat, in Gestalt der Justiz, attackierte Berlusconi in den vergangenen Tagen wieder in einer Weise, die eigentlich die Europäische Union auf den Plan rufen müsste. Er beschimpfte Richter als Linksextremisten und warf ihnen vor, Urteile schon vorab zu fällen, nur weil sie einen seiner Anwälte wegen Korruption bestraft haben. Dabei müsste Berlusconi selbst eine Verurteilung fürchten, wenn er sich nicht von seiner Parlamentsmehrheit Immunität als Premier hätte einräumen lassen.
Wie Berlusconi zur Demokratie steht, zeigt sein Umgang mit der Opposition. Wer links wähle, sei von Hass und Neid getrieben, solche und ähnliche Behauptungen sprechen für sich. Die eigenen Parteien, erst Forza Italia und nun das Volk der Freiheit, führt der Premier in einer charismatisch-autoritären Weise, als seien sie Privatbesitz.
Als Regierungschef geriert er sich wie ein Firmenboss, der die Geschäfte nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam führt. Nun versucht er auch noch, das Volk gegen das Parlament in Stellung zu bringen, um die Verfassung nach seinen Wünschen umzubauen. Solch plebiszitäre Herrschaftsmethoden sind gefährlich, das zeigt die Geschichte.
Den schwersten Frevel beging Berlusconi aber an der Medienfreiheit. Dank seiner durchaus beeindruckenden unternehmerischen Fähigkeiten und seinem politischen Geschick gelang es ihm, ein Informations-, Meinungs- und Unterhaltungsimperium aufzubauen, das Zeitungen, Zeitschriften, Filmproduktionsfirmen und vor allem die wichtigsten Sender des Privatfernsehens umfasst.
Seit Jahrzehnten wirkt dieses Imperium auf die Italiener ein - und verändert so die Gesellschaft. Grelles bis vulgäres Dauerspektakel, Hemmungslosigkeit, Konsumgier und Opportunismus werden als Normalität dargestellt - oder als erstrebenswerter Zustand. Leitbild ist dabei der ältere Showmaster und Charmeur, der sich von TV-Sternchen umschwärmen lässt und Preise und Geschenke ans Volk verteilt, genauso wie der Cavaliere.
Berlusconi hat sich mit seinen Fernsehsendern sein Wahlvolk herangezogen. Die italienische Linke setzte dem zu wenig entgegen. Sie versäumte es vor allem, eine pluralistische Medienlandschaft zu verteidigen. Deswegen muss sie sich heute kläglich an Noemi klammern.
Ebenso versagt haben die bürgerliche Rechte, die Christdemokratie und die konservativen Eliten. Wie konnten sie es zulassen, dass Berlusconi zu ihrem Gesicht, ihrer Stimme und schließlich ihrem Dominator wurde? Warum haben sie keine glaubwürdige Gegenkraft aufgebaut, die dem Erbe der großen, kulturreichen, europäischen Nation Italien würdig wäre? Diese Frage sollte sich ganz Europa stellen. Die Entwicklung Italiens ist ein Menetekel. Sie zeigt, wie anfällig moderne Gesellschaften sind, wenn sie es zulassen, dass ein Mann übergroße Medienmacht erlangt.
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(SZ vom 27.05.2009/woja)
Verrückter Eisladen in der Maxvorstadt
das Volk schützt diesen Regierungschef. Warum, kann man sich da fragen? Vermutlich, weil das Verhalten das Berlusconi an den Tag legt Legitimation und Vorbild für eine große Anzahl der Menschen in diesem Staat zu sein scheint. So lässt es sich gut leben. Bestechung, Korruption, Kriminalität, Prostitution ist doch in diesem Berlusconi-Staat schon die Normalität. Wo bleibt da die moralische Instanz die diesem Treiben Einhalt gebietet - Intellektuelle, Papst, Vatikan etc.! Das Land müsste so laut schreien, dass sich die Gipfel der Alpen gen Norden biegen. Aber was kommt von diesem ansonsten Stimmstarken Volk rüber - ein laues Lüftchen.
Nichtsdestotrotz. Ich glaube daß das Jahr 2011 in Italien eine entscheidende Wende bringt. Damit reiht sich das Land ein in die Riege der Länder in denen vernunftbegabte Bürger die Nase gestrichen voll haben von den Sie regierenden Politikern. Demokratie bedeutet schliesslich Volksherrschaft.
Im Gegensatz zur Auffassung, die cindippo in seinem Kommentar vertritt, kann ich die Analyse von Stefan Ulrich nur unterstützen.
Im Kommentar wird von Vorurteilen gesprochen, die auf nicht begründeten Begebenheiten fußen. Diese Aussage entspricht dem Denken des klassischen Berlusconi-Verfechter, der vor Fakten die Augen verschließt, um seine heile (berlusconianische) Welt zu schützen. Leider ist diese Haltung in Italien keine Seltenheit.
Ich finde, es ist keine gesündere Form von Information oder Demokratie, wenn man Journalismus nach Vorurteilen oder wenigstens nach einer verzerrten Vision macht.
In Italien herrscht mehr Informationsfreiheit, als Sie denken, sogar mehr als in den deutschen Medien, z. B. als im Fernsehen, wo man in bestimmten Zeitspannen gleichartige Sendungen findet.
Ja, es kann sich wohl um Vorurteile handeln, wenn man Thesen argumentiert, die auf keiner Gegebenheit fussen. Auf diese Weise bieten Sie und Ihre Kollegen das Bild eines Italiens, das nur zum Teil wahrhaft ist. Und der Grund dafür ist mir seit Jahren immer noch unklar, dass ich seit Jahren als Italiener andauernd für Sachen angesprochen werde, die gar nicht stimmen.
Danke für Ihre Missinformationsarbeit!
Ja ja, es ist schon ganz richtig, dass " in Italien nach jahrzehntelanger Agonie der organisierten Staatlichkeit" nunmehr fast alles besser läuft. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die Bombenleger mit Nr 1816 an der Staatsspitze ihr Ziel erreicht haben?
Die scheinbar geringeren Probleme Italiens in der Finanzkrise haben mit dem systembedingt geringeren Engagement italienischer Banken in Risikopapieren zu tun und nichts mit Berlusconis Gaben als Staatslenker. Die richtigen Leute sind in Italien nicht auf dei Wallstreet angewiesen: Wenn der grosse Führer mal eben 300 Millionen Euro für seine Firma Fininvest braucht ... schwupps, schon ist das Geld auf dem Schweizer Konto. Kein Herkunftsnachweis erforderlich - jeder in Italien weiss woher das Geld kommt.
Und wenn einer zu genau nachfragt, ist man heute nicht mehr gezwungen, die höchsten Richter samt Autobahn in die luft zu sprengen, sondern kann sich damit begnügen, sie auf den Titelblättern und zur prime time im Fernsehen fertig zu machen (um dann die Gegendarstellungen auf Seite 20 zu verstecken oder ganz aus dem TV-Programm zu schneiden.
Ohne Rechtsstaaatlichkeit kann man einige Zeit wunderbar erfolgreich regieren. Das hatte uns ja schon Mussolini vorgemacht und die spätere deutsche Kopie hat ja lange Zeit mit Autobahnen, Arbeitsdienst, .. Olympische Spiele 1936 ganz erfolgreicht funktioniert und ein komfortables Pressemonopol hat das allen auch als Erfolg verkauft.
Ach ja: Man liest/hört ja garnichts mehr übe die Müllberge in und um Neapel. Sind die schon weg oder wird nur nicht mehr darüber berichtet?
Ich versage es mir, mich auf Ihr Niveau der Diktion herabzubegeben, stelle aber fest, dass Ihre Analyse des Erfolgs von Berlusconi (unabhängig von der Unverschämtheit, den überwiegenden Teil der italienischen Bevölkerung als "asozial" zu bezeichnen) in der Sache zutreffend ist: Die über weite Strecken anti-etatistische Haltung der italienischen Wähler läßt jemanden, der dem Staat lange auf der Nase herumtanzte, in gewisser Weise als wählbar erscheinen. Der Trick ist aber, das B., kaum hatte er sich des Staates bemächtigt, diesen Staat nicht mehr bekämpfte, sondern jetzt mit komfortabler Mehrheit organisiert und führt. Man muss die Politik von B. nicht gut und B. nicht symphatisch finden. Auch liegt in Italien nach jahrzehntelanger Agonie der organisierten Staatlichkeit weiter Manches im Argen (z.B. die Sozialsysteme) und kommt es gegenwärtig zu deutlicher Überregulierung. Zu attestieren ist aber, dass es nunmehr einen gut funktionierenden Verwaltungsapparat gibt (abzulesen z.B. an der Bewältigung der Erdbebenkatastrophe von Aquila, über die in Deutschland nur unter Wiedergabe eines fehlerhaft zitierten Satzes von B. berichtet wurde) und Italien besser durch die Krise kommt, als Andere: Fiat will Opel kaufen (nicht umgekehrt), die Arbeitslosigkeit ist seit langem niedriger und der Arbeitsmarkt weniger krisenanfällig als in Deutschland und über Staatsverschuldung müssen wir angesichts des Treibens von Schulden-Peer und seinen Spießgesellen nicht reden, gelle?
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