Schulen Gute Chancen, aber nicht für alle

Die Pisa-Studien haben gezeigt, wie ungleich die Bildungsaussichten für Schüler in Deutschland sind. Eine neue Analyse gibt nun vorsichtig Anlass zur Hoffnung.

Von Susanne Klein

Mit den Bildungschancen für Kinder und Jugendliche in Deutschland geht es aufwärts - wie sehr, hängt jedoch immer noch stark von ihrer sozialen Herkunft ab und davon, wo sie zur Schule gehen. Diese durchwachsene Bilanz zieht der Chancenspiegel 2017, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die Analyse schulstatistischer Daten zeigt, dass sich Deutschlands Schulsystem in den vergangenen 15 Jahren modernisiert hat, und die Schüler insgesamt davon profitieren. Zum Beispiel stieg der Anteil der Abiturienten von 38 auf 52 Prozent. Zugleich sank die Quote junger Menschen, die ohne Schulabschluss ins weitere Leben entlassen werden, von neun auf sechs Prozent. Das System ist also durchlässiger geworden, seit der Pisa-Schock Deutschland unter allen OECD-Staaten als den großen Verlierer bei der Chancengerechtigkeit gebrandmarkt hat.

Allerdings sind dies bundesweite Durchschnittswerte. Wie uneinheitlich das Bild im Detail ist, offenbart der Blick auf die einzelnen Länder. Beispiel Hochschulreife: In Hamburg machen gut sechs von zehn Schülern das Abitur oder Fachabitur, das sie zu einem Studium berechtigt. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind es nur vier. Hinweise darauf, wie durchlässig ein Schulsystem ist, gibt zudem die Anzahl der Kinder, die es von der Grundschule auf ein Gymnasium schaffen, und die Quote derer, die ein Schuljahr wiederholen müssen. Nirgendwo bleiben so viele Kinder sitzen wie in Bayern. Dort steht die Schulpolitik auf dem Standpunkt, durch strenge Leistungsbeurteilungen zu entscheiden, wen sie fürs Gymasium geeignet hält und wen nicht. Der Übertritt ans Gymnasium fällt nur Kindern in Bremen noch schwerer als in Bayern.

In keinem anderen Bundesland müssen so viele Schüler eine Klasse wiederholen wie in Bayern

"Wir sehen vielfach leichte Verbesserungen, aber der Trend könnte deutlich positiver sein", sagt Wilfried Bos, Mitautor der 430 Seiten starken Studie. Das gilt auch für den ungleichmäßigen Ausbau der Ganztagsschule. So lernen in Bayern nur 15, in Hamburg dagegen 88 von 100 Schülern ganztags - eine weitere der "Negativabweichungen vom allgemeinen Trend der Länder", die der Bericht Bayern attestiert. Nach überwiegender Meinung von Bildungsexperten ist das Ganztagsangebot ein Indikator für Chancengerechtigkeit.

"Großen Handlungsbedarf" entdeckt die Studie bei den Schulabgängern ohne Abschluss: Während in Bayern 4,5 Prozent der Jugendlichen dieses Schicksal teilen, sind es in Berlin und Sachsen-Anhalt mehr als doppelt so viele. "Das ist wirklich dramatisch", urteilt Bos. Der Bildungsforscher problematisiert besonders die Entwicklung bei Kindern ohne deutschen Pass. Ihr Risiko eines Schulabbruchs war lange rückläufig, ist zuletzt aber wieder gestiegen, auf durchschnittlich 13 Prozent. Weit über diesen Mittelwert hinaus schießt Sachsen. Dort lässt das Schulsystem 27 Prozent der ausländischen Jugendlichen im Stich - sie erreichen keinen Hauptschulabschluss.

Für den unregelmäßig erscheinenden Chancenspiegel werten die Bertelsmann Stiftung, die TU Dortmund und die Universität Jena eine Vielzahl von Daten und Studien aus. Als "Gerechtigkeitsdimension" gilt ihnen auch die "Integrationskraft": Hier stehen die Förderschüler im Fokus. Seitdem sich Deutschland in der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap zu fördern, besuchen immer mehr Schüler mit Förderbedarf reguläre Schulen - heute schon jeder dritte. Ein Ende der Förderschulen bedeutet die Inklusion aber nicht. Denn die Quote förderbedürftiger Schüler sei insgesamt "fast ungebremst" gestiegen, wie der Bericht betont. Deshalb würden heute immer noch fast ebenso viele Kinder gesondert an Förderschulen unterrichtet wie früher. Beide Phänomene - steigende Förderquote insgesamt und zögerlich nachlassende Exklusion - treffen besonders stark auf Bundesländer im Nordosten zu: Schon seit 2002 sind Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hier wenig erfolgreich. Brandenburg und Thüringen gelang hingegen der Absprung ins Mittelfeld.

Auch die Leistungen deutscher Schüler, ermittelt in Vergleichstests wie Pisa oder IQB-Bildungstrend, interessieren die Forscher. Am Beispiel der Lesekompetenz von Neuntklässlern machen sie große Differenzen aus: Die besten und schwächsten Bundesländer trennt eine Leistungskluft von mehr als drei Schuljahren. "Von vergleichbaren Kompetenzen - und damit Chancen - kann keine Rede sein", warnen die Autoren. Das öffentliche Schulsystem müsse jedoch für vergleichbare Chancen sorgen.

Gelobt wurde der Bericht von dem SPD-Bildungsreferenten Hubertus Heil, der für mehr Lehrer sowie Sozialarbeiter und den Rechtsanspruch auf Ganztagsgrundschulplätze warb. Die Studie sei "für die CSU eine Ohrfeige", belege sie doch "Modernisierungsrückstände" für deren Schulpolitik, sagte Heil.