Saint-Martin Der Sturm danach

Die französische Karibik-Insel wurde als eine der ersten von "Irma" getroffen. Die Zerstörungen waren massiv, Wasser und Nahrungsmittel sind knapp. Nun verunsichern die Menschen zusätzlich auch noch Gerüchte und Falschmeldungen.

Von Joseph Hanimann

Der Sturm nach dem Sturm ist ohne Zweifel nicht so zerstörerisch wie Irma selbst. Doch weitere Schäden wird auch er anrichten, wenn sie vielleicht auch etwas anders gelagert sein werden. Jedenfalls wirbeln, nur Tage nachdem der Hurrikan über die Insel Saint-Martin hinweggefegt ist, wahre Informationen und Gerüchte und veritable Falschmeldungen über Verwüstung, Lebensmittelknappheit, Plünderungen und Schießereien in der französischen Karibik-Besitzung munter durcheinander wie eine zweite Sturmbö. So viel steht fest: Zumindest vorübergehend brach die öffentliche Ordnung zusammen. Die während der Katastrophentage auf der Insel anwesende französische Überseeministerin Annick Girardin gab zu, mit eigenen Augen Plünderungen gesehen zu haben. Das soll sich nicht wiederholen.

An diesem Dienstag reist Staatspräsident Emmanuel Macron nach Saint-Martin, um Solidarität zu bekunden - und vor laufenden Kameras zu zeigen, dass Recht und Ordnung wieder eingekehrt sind. Vor ihm wurden 240 Polizisten sowie 400 Soldaten auf die Insel geschickt, zusätzlich zu den 500 Gendarmen und Polizisten, die dort bereits Dienst tun. Weitere gut tausend Ordnungs- und Hilfskräfte sind auf der circa 35 000 Einwohner zählenden Insel im Einsatz. Laut dem Innenministerium in Paris wurden elf Menschen wegen Plünderei verhaftet. Die Nachricht, dass im holländischen Teil der Karibikinsel die Häftlinge des Gefängnisses im allgemeinen Chaos hätten ausbrechen können, wurde indes dementiert - von niederländischer wie von französischer Seite.

Im Mutterland findet derweil eine alte Debatte neue Nahrung: Hat die Regierung versagt?

Die größte Schwierigkeit dürfte im Moment sein festzustellen, wo die Not am größten ist zwischen den verwüsteten Barackenvierteln des Orléans-Quartiers im Osten von Saint-Martin und den Strandvillen auf der Insel Saint-Barthélemy. Noch werden die Hauptverkehrswege freigeräumt. Seit Sonntag hat über die einzige funktionierende Antenne ein Katastrophensender auf Französisch, Kreolisch und Englisch den Betrieb aufgenommen.

Ein Fahrverbot nachts und Bürgerwehren scheinen seit dem Wochenende Plünderungen und Gewaltakte eingedämmt zu haben. Doch noch immer ist die Versorgung mit Wasser und Grundnahrungsmitteln, mit Strom und Benzin nicht gesichert. Über eine Luftbrücke von der Insel Guadeloupe soll das Nötigste herbeigeschafft werden. Wirr ist vor allem die Situation am Flughafen - oder dem, was davon übrig ist. Zahlreiche Menschen harren dort aus, um die Insel zu verlassen. Und bei jedem Gerücht über ein neues Unwetter, eine Schießerei oder eine Schlägerei um ein paar Kanister Trinkwasser werden es mehr.

Im Mutterland ist derweil eine Debatte im Gang, ob die Pariser Behörden nicht zu lässig auf die drohende Gefahr durch den Hurrikan reagiert hätten. Front National und die Linksbewegung La France insoumise werfen der Regierung vor, nicht schnell genug gehandelt zu haben. Die Regierung gibt sich empört: Am Unglück anderer werde da unnötiger politischer Streit entfacht, entgegnete etwa Premierminister Édouard Philippe. Einen gewissen Verzug scheint es dennoch gegeben zu haben. Während die niederländischen Behörden sich sofort auf die höchste Alarmstufe einstellten, stufte Frankreich den Tropensturm erst allmählich hoch. Was da genau passiert ist, soll nun in einer Untersuchung geklärt werden.