Sachsen Clausnitz nach dem Hassbeben

In Clausnitz hatte ein wütender Mob gegen Flüchtlinge gehetzt, als diese mit einem Bus zu ihrer neuen Unterkunft gebracht wurden.

(Foto: dpa)

Erstmals seit der Belagerung eines Busses mit Flüchtlingen in dem sächsischen Ort tagt der Gemeinderat. Bürgermeister Funke findet ungewöhnlich klare Worte gegen den Mob.

Von Ulrike Nimz

Eigentlich stand anderes auf der Tagesordnung des Gemeinderats Rechenberg-Bienenmühle. Um den Sparhaushalt 2016 sollte es gehen, um die Hochwasserschadensbeseitigung, Grund- und Gewerbesteuer. Dass nach den Ereignissen im zehn Autominuten entfernten Ortsteil Clausnitz, nach dem brüllenden Mob, der einen Bus voller Flüchtlinge belagerte und die Insassen bedrohte, nicht mehr die Rede sein kann, von dem, was man gemeinhin Rückkehr zur Tagesordnung nennt, macht Bürgermeister Michael Funke gleich zu Beginn der Sitzung klar: "Glaubt eigentlich irgendjemand, dass dieser ganze Hass etwas bringt?"

Die ZDF-Journalistin Dunja Hayali hat das gefragt, bei der Verleihung der Goldenen Kamera, während ihrer großen Lügenpresse-Widerrede. Funke, seit Juni 2015 im Amt, benutzt ihre Worte bewusst, lässt den Blick schweifen. Ist jemand hier, der dabei war, an jenem Abend? Draußen vor der Tür parkt ein Polizeiwagen, ein anderer fährt Streife, vorbei am Brauereimuseum und am "Wirtshaus am Trostgrund".

Überhaupt - Trost - den hätte auch Funke nötig. Seelisch angeschlagen sei er nach den Tagen mit den vielen Reportern. "Die Taten, die Bilder, die Berichterstattung haben Spuren hinterlassen. Bei mir, meiner Familie, vor allem aber bei den Insassen im Bus." Das alles sei nicht zu tolerieren, die Scham groß, sagt der Bürgermeister. Nicht immer hört man in Sachsen so klare Worte von einem Gemeindeoberhaupt. Was ihn hoffen lässt? Dass nun so viele Menschen anrufen und sich nach dem Wohlergehen der in Clausnitz untergebrachten Flüchtlinge erkundigen.

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Ausdrücklich soll es nicht um die große Politik gehen

Es ist still im Saal des Rathauses, das am Fuße einer neugotischen Kirche liegt. 60 Leute passen in den weißgetünchten Raum, heute haben sie Stühle hereintragen müssen und 45 Minuten extra eingeplant für eine Fragerunde. Ausdrücklich soll es nicht um die große Politik gehen, nur um jenen Donnerstagabend, als der Ort in die Schlagzeilen geriet.

Clausnitz, das muss man wissen, ist in Sachsen kein Einzelfall. Blockaden von Flüchtlingsbussen, Hitlergrüße oder Beamte in Unterzahl gab es auch in Freiberg, Meerane, Chemnitz-Einsiedel. Das Pech der Clausnitzer war, dass diesmal nicht nur jemand "Wir sind das Volk" grölte, sondern das auch noch filmte.

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Die meisten der Leute hier wollen sich distanzieren, ihre Ratlosigkeit ausdrücken ob des Hassbebens vor ihrer Haustür. Aber eine reine Bußestunde ist dies nicht. So wird auch gefragt, warum ein versprochenes Informationsschreiben seitens der Gemeinde ausblieb, was gegen die Gewaltaufrufe von links getan werde, die jetzt im Internet kursieren. Eine blonde Frau fragt spitz, wo denn die Flüchtlingskinder zur Schule gehen sollen, es gebe da große Sorge, um die weitere Gestaltung des Unterrichts. Ein Mann will wissen, warum die Asylbewerber nicht mittags gebracht worden sind: "Da arbeiten doch eh alle."

Wie reden jene, die abgeschlossen haben?

Es ist der Punkt, an dem Dieter Steinert, Leiter der Stabsstelle Asyl in Mittelsachsen, die Stimme hebt: "Ihre Frage verwundert mich doch sehr. Fragen Sie lieber, was Sie für die Menschen, die hier landen, tun können." Es ist auch der Punkt, an dem sich der unbeteiligte Zuschauer fragt: Wenn in diesem Raum die Aufgeschlossenen sitzen - wie reden jene, die abgeschlossen haben? Wie erreicht man die?

Dann erhebt sich ein älterer Herr; er stellt sich als Wolfram Fischer vor. Für das Netzwerk Asyl kümmert er sich um die Flüchtlinge im Ort, ein schmaler Mann in braunem Pullunder. "Ich bin dabei gewesen", sagt er. "Ich kann diese Szenen nicht vergessen." Im Bus: die vor Angst weinenden Frauen und Kinder. Draußen vor der Scheibe: eine schwarze Masse mit weißen Köpfen. "Die Flüchtlinge haben nicht provoziert. Der Chemnitzer Polizeipräsident liegt falsch", sagt der Mann, der selbst zwei Iranerinnen aus dem Bus geholfen haben will.

Seitdem bekommen er und Mithelfer Nachrichten, in denen steht, dass ihnen der Kopf abgeschnitten gehört. Fischer spricht langsam, betont jedes Wort. "Wir müssen uns überlegen, wie wir weiterleben wollen in diesem Ort. Es gibt so viel gutzumachen." Fürs Erste gibt es Applaus.