Risiko und Chance für China Die Weltordnungskrise

Einmal Imperium und zurück: Amerikas Abstieg ist zugleich Chance und Risiko für China. Wie die Finanzkatastrophe die Politik verändert.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Zwei Begriffe sind es, die den politischen Niederschlag aus dem Finanzchaos dieser Tage am besten beschreiben. Sie lassen ahnen, dass es bei der Kernschmelze der Finanzsysteme nicht nur um ökonomische Korrekturen geht, sondern auch um harte Geopolitik, um die Verschiebung der politischen Gewichte auf der Welt.

Eine besondere Renaissance erleben also das deutsche Wörtchen Schadenfreude und die chinesischen Zeichen wei ji. Schadenfreude braucht im angelsächsischen Sprachraum keine Übersetzung. Schadenfreude herrscht über das Ende der amerikanischen Hybris, über den Niedergang der Wall Street.

Der schnelle politische Abstieg der USA aus ihren hegemonialen Höhen schlägt nun auch in die Finanzpolitik durch. Einmal Imperium und zurück in sieben, acht Jahren - nicht nur in der arabischen Welt macht die Volksanalyse von der gerechten Strafe für Amerika ihre Runde.

Der zweite Begriff setzt sich aus den chinesischen Schriftzeichen wei ji zusammen und bedeutet Risiko. Das ji findet sich aber auch in der Zeichenfolge für das Wort Chance. Risiko und Chance - sie liegen eng beieinander, besonders für eine aufsteigende Macht wie China, die mit fortlaufender Dauer der Finanzkrise in den Mittelpunkt der Rettungsüberlegungen rückt.

Zeit für Pekings breite Offensive

China, mit seiner gelenkten Finanzwirtschaft und den überquellenden Geldtöpfen, könnte für die nötige Liquidität sorgen. Der Gletscher, der sich über die globalen Märkte legt und längst nicht nur die Finanzwirtschaft erstarren lässt - dieser Gletscher könnte unter dem Feuer des chinesischen Drachen schmelzen. Chinas interventionistische Politik muss ja nicht nur den Rohstoffmärkten gelten. Jetzt wäre die Zeit für eine breite Offensive Pekings gekommen.

Während die Kurse stürzen, stemmen sich die bisherigen Großmächte des monetären Systems verzweifelt gegen ihr Schicksal. In Washington versuchen die USA, mit nationalen Paketen und über den von ihnen gesteuerten Währungsfonds Vertrauen zu erzeugen und die politische Hoheit über die wilden Märkte zurückzugewinnen.

In Paris finden sich die Regierungschefs der Euro-Zone ein und lassen gar den britischen Euro-Skeptiker Gordon Brown mit am Tisch sitzen - vielleicht auch deshalb, weil es der knochentrockene Finanzdompteur Brown war, der mit seinem nationalen Verstaatlichungsvorstoß den Ton anschlug, den nun die verzweifelten Regierungen in aller Welt aufnehmen.

Auf beiden Bühnen - in den USA und in Europa - hat sich aber nach Tagen der Konfusion und der nationalen Rettungspläne die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Nationalstaaten alleine den ökonomischen Zusammenbruch nicht aufhalten werden können. Wer es mit den Kräften des globalen Finanzsystems aufnehmen will, der muss auch die ordnende Kraft globalisieren.

Die Euro-Länder versuchen nun, in Stunden nachzuholen, was sie jahrelang versäumt haben. Eine gemeinsame Währung ohne ein starkes, harmonisiertes politisches System ist bereits einem gewaltigen Risiko ausgesetzt. Ein gemeinsamer Währungsraum ohne einheitliche Regularien für den Finanzmarkt aber entzieht sich in der Krise - wie sich nun herausstellt - aller Kontrolle.

Wenn's der Staat nicht richten kann, dann die Staatengemeinschaft

Das scheinbar wenig koordinierte Rettungstamtam der letzten Wochen machte deutlich, dass die Kraft der nationalen Regierungen alleine nicht ausreicht. Die Märkte spürten, dass die Regierungschefs nur pfeifend durch den dunklen Wald liefen. Es verging eine wertvolle Woche, ehe die Euro-Staaten die Kraft der Gruppe entdeckten und auch die USA die Fehler in ihrem Rettungspaket eingestanden.

Wenn es also der Staat nicht richten kann, dann muss es die Staatengemeinschaft tun und damit die vornehmste Pflicht des Souveräns an sich reißen: den Schutz der Bürger. Innere Sicherheit, äußere Sicherheit, Prosperität - diese Grundversprechen des Staates kann ein Land alleine nicht mehr geben. Deshalb gibt es Bündnisse, deshalb gibt es die EU und den Währungsfonds. Die Finanzkrise hat die Kraft, diesen Bündnissen zu neuer Qualität zu verhelfen. Die Zeiten der Not lassen nicht viel Platz für taktische Spielereien und nationale Gefühlsduseleien.

Allein: Es wird ein Preis zu zahlen sein für all die vertanen Jahre. Das globale Steuerungssystem für Krisen aller Art hat schon zu lange Schlagseite. Der seit dem Zweiten Weltkrieg von den atlantischen Nationen geprägte Rahmen ist gesprengt, eine neue Ordnung ist nötig. Warum sollte die chinesische Nationalbank in die Krise eingreifen, wenn sie in den Gremien des Währungsfonds weniger zu sagen hat als die Beneluxstaaten? Welchen Vorbildcharakter soll die amerikanische Finanzwirtschaft haben, wenn sie niedrigste Kontrollregeln ignoriert?

Die Selbstentwertung der USA entfaltet im Vakuum der Vorwahlzeit ihre ganze Dynamik. Europa, politisch bereits um eine Entkopplung bemüht, kämpft mit seinen eigenen Verstrickungen. Die Leitidee des Westens verblasst, neue Akteure halten sich in den Kulissen bereit. Die Finanzkrise wandelt sich zu einer Weltordnungskrise, davon zeugen die panischen Konferenz-Bemühungen in Washington und Paris. Schadenfreude ist da ein lächerlich kleines Gefühl.